Ryszard Kapuscinski ist Pole, doch in seinem Heimatland ist er nur höchst selten anzutreffen. Stattdessen durchstreift er seit den fünfziger Jahren als Korrespondent

der polnischen Nachrichtenagentur PAP die Welt. Dass er dabei die wohlhabenden Orte der ersten Welt so gut es geht meidet und sich stattdessen mit Vorliebe in die entlegensten und gefährlichsten

Winkel Afrikas oder Lateinamerikas begibt, gehört zum Grundprinzip von Kapuscinskis Journalistenphilosophie. Ihn interessiert der Mensch in seiner ganzen Normalität und Einfachheit, in seinem harten

Kampf ums tägliche Brot, in seinem Schmerz wie in seiner Freude, und deshalb begibt er sich schreibend und beobachtend nicht auf die großen Straßen und Plätze dieser Welt, sondern in ihre abgelegenen

Gassen und Hinterhöfe.

"Der Afrikaner ist ein Mensch, der vom Moment seiner Geburt an bis zu seinem Tod an der Front steht, sich gegen die feindliche Natur seines Kontinents zur Wehr setzen muss, und allein die

Tatsache, dass er lebt und überhaupt existieren kann, ist sein größter Sieg." "Wieder ein Tag Leben" hieß Kapuscinskis Buch über den grausamen Bürgerkrieg in Angola, und dieser Satz zieht sich wie

ein Leitmotiv auch durch seine gesammelten Erfahrungen aus vier Jahrzehnten. Von dieser Front berichtet er, ob sie nun in Ghana, Uganda, Ruanda oder Eritrea verläuft, und nie ist er auf der Suche

nach der großen Politik, sondern nach dem Alltag und dem einfachen Mann auf der Straße. Das mag für den, der hier nach politischen Hintergrundanalysen sucht, mitunter enttäuschend sein; aber er

vergisst, dass Kapuscinski nicht in erster Linie Reporter ist, sondern ein Dichter, der nicht erfindet, sondern findet, was ihm vor Augen kommt, und es in eine Sprache verwandelt, die durch und durch

poetisch ist.

Natürlich ist Kapuscinski auch ein Abenteurer, der die Gefahr sucht und dabei mehr als einmal kurz davor stand, mit dem Leben zu bezahlen, doch dieses Abenteurertum gerinnt nicht zum Selbstzweck,

dient nicht der "heißen Story", sondern der Wahrheit über einen Kontinent, der heute in der übrigen Welt als "Herz der Finsternis" gilt. Denn wie jeder wirkliche Dichter ist auch Kapuscinski ein

Mitleidender, der zu verstehen sucht, was allzu oft als "afrikanische Krankheit" durch die westlichen Köpfe geistert. Etwa das Gewirr aus Clans und Stämmen, das einer Demokratie in unserem Sinne

zuwiderläuft und einen Individualismus, wie wir ihn schätzen, nur selten entstehen lässt. Denn in Afrika "ist der Individualismus ein Synonym für Unglück, ein Fluch, eine Tragödie". Wer allein

lebt, lebt nicht lange in dieser unbarmherzigen Welt.

Unzählige Staatstreiche, Kriege, Gemetzel tauchen in diesem Buch auf, doch Kapuscinski geht es nicht um Urteil oder Verurteilung, er will verstehen, wie es zum Völkermord in Ruanda kommen konnte,

warum Staaten wie Liberia zerfallen und ihre Einzelteile in die Hand blutrünstiger Warlords geraten. Die Antworten, die er findet, sind mitunter vielleicht ein wenig einfach, aber sie setzen ganz

unten an und sind in diesem Sinne dann doch wahrhaftiger als viele allzu theoriebeladene Erklärungsversuche. Und gerade deshalb hat Kapuscinski trotz aller grauenhaften Erfahrungen den Glauben an

Afrika und seine Menschen bis heute nicht verloren.
Kapuscinski, Ryszard: Afrikanisches Fieber. Erfahrungen aus vierzig Jahren. Eichborn (Die Andere Bibliothek) 1999. 324 Seiten.