Alfred Warnes hat sich 1982 mit dem Gedichtband "Lieder der Nüchternheit" als einer der wichtigsten Lyriker des Landes etabliert. Die radikale Skepsis gegenüber der Worthülsen-Sprache verband er mit poetischer Aphoristik:

"Soll er den Astrologen berennen? / Soll er der Nachtigall lauschen? / Ihn bekümmert der dreifache Preis / für ein Drittel vom Leben."

Nun sind "neue Kaltenleutgebner Notizen", so der Untertitel, erschienen, und Warnes setzt seine Fähigkeit zur Analyse im dörflichen Rückzugsgebiet ein, das freilich alles andere denn eine Idylle ist. Die Schließung des Werkes, der Anschluß ans Kanalnetz, das Preisschnapsen · neue Heimatdichtung hieß das in den Siebzigern, und der Autor erledigt dies sozusagen im Vorüberblicken.

Die stärksten Texte sind freilich wiederum jene, in denen das Selbstverständliche, der Konsens der Floskeln und erlaubten Gedanken, hinterfragt wird:

"Ihn faszinierten / die Tiefschläge / gegen die Fortdauer, / die faustgroßen / Exempel für die / Vergeblichkeit, / das 33-Tage-Pontifikat / die Witwenschaft / bei der Heimkehr / vom Standesamt, / der rätselhaft / frühe Kindstod."

In diesen Gedichten wird klar, daß der · reale · Standort des Dichters nebensächlich ist: Rom oder Kaltenleutgeben existieren wie das Jerusalem des nächsten Jahres als Orientierungspunkte in einer imaginären Welt der Wörter:

"Mein Venedig / versinkt bald, / wessen Venedig / auch noch?"