Speziell seit Beginn der Krise scheint Banken wie öffentlichen Körperschaften jeder willkommen zu sein, der noch Geld hat und investieren will. Und längst ist es nicht allein die italienische Mafia, die hier grenzüberschreitend agiert. So drängen in den letzten Jahren etwa russisch-israelische Oligarchen wie Mikhail Chernoy oder Oleg Deripaska mit riesigen Firmengeflechten in nahezu alle Wirtschaftsbereiche.

Woher das Vermögen der Milliardäre stammt, wird laut Roth kaum hinterfragt. Macht man sich, wie der Autor, die Mühe, die Firmengeflechte zu entwirren, so kann es schon vorkommen, dass hinter einem "ehrenwerten" Investor eines großen deutschen Vergnügungsparks, gut versteckt durch etliche Briefkastenfirmen, ein einflussreicher mexikanischer Familienclan steckt, der nicht nur den dortigen Gas- und Ölmarkt, sondern auch den Drogenhandel dominieren soll.

"Aus Dieben und Betrügern wurden innerhalb weniger Jahre Mogule, aus Banditen und Plünderern marktbeherrschende Oligarchen. Jetzt wollen sie unbehelligt leben, ihre umstrittene Vergangenheit soll eliminiert werden. Mithilfe bestens entlohnter Public-Relations-Agenturen verfolgen sie ein Ziel: die Gewinne krimineller Machenschaften in den legalen Wirtschaftsprozess einzuspeisen, um letztlich Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse in ihrem Sinne nehmen zu können", schreibt Roth.

Wie das funktionieren kann, demonstriert der Journalist anhand konkreter Beispiele wie dem gerade noch verhinderten Opel-Kauf durch ein russisches Konsortium und dem Magna-Konzern. Dessen Chef Frank Stronach, seinen Methoden und seiner Vorliebe für Ex-Politiker und -Wirtschaftsbosse in Magna-Führungspositionen widmet Roth ein eigenes, äußerst kritisches Unter-Kapitel. Ebenso wird der seit Jahren laufende Krimi rund um den kasachischen Ex-Botschafter Rakhat Alijew und das österreichisch-kasachische Verhältnis in all seinen eigenartigen Facetten beleuchtet.

Besonders bedrohlich muten Roths Recherchen über gigantische Betrügereien der kalabrischen Mafia ´Ndrangheta an, die nach Aussagen eines Ex-Paten zahlreiche Giftmüll-Schiffe entlang der italienischen Mittelmeer-Küste versenkt hat, nachdem Mafia-Firmen sich von den Kommunen teuer für die "Entsorgung" hatten bezahlen lassen. Welche Gifte hier teils direkt vor den Touristen-Stränden in dünnen Blechbehältern schlummern, weiß niemand genau.

Wenig überraschend weist der Autor auf die Nähe verschiedener Banken - darunter auch die Raiffeisenbank - zu fragwürdigen Ost-Organisationen, Bauprojekten oder Investment-Gruppen hin. Besonders unappetitlich, aber klar nachvollziehbar sind Roths Recherchen zu gekauften Wissenschaftern, Rating-Agenturen oder Anwaltskanzleien sowie die Ohnmacht der (möglicherweise ebenfalls gekauften) Polizei respektive der darüber stehenden Justiz. So gebe es zwar ständig Fachtagungen führender Kriminalisten und Experten, aber kaum wirksame Maßnahmen gegen die organisierte Kriminalität.

Schockierende Conclusio

Wirklich Angst macht aber Roths Conclusio: Die Unterwanderung unserer Wirtschaft und Politik durch kriminelle Strukturen in Form multinationaler Konzerne sei mittlerweile so stark, dass einzelne Nationalstaaten kaum noch genügen Autorität besitzen, um deren Machteinflüsse zu kontrollieren. Unter diesem Aspekt gesehen erscheinen auch die "Krise", ihre Urheber und Nutznießer in neuem, erschreckendem Licht.

Jürgen Roth: Gangsterwirtschaft. Wie uns die organisierte Kriminalität aufkauft. Eichborn Verlag, 304 Seiten, 20,60 Euro.