"Verstehe ich je mein Leben? Kann ich es verstehen? Alles spricht dagegen: das in mir wurzelnde fremde Ich, der sich selbst rechtfertigende Moralist, der lügnerische

Fabelproduzent."

Der "lügnerische Fabelproduzent" ist der 1929 in Budapest geborene ungarisch-jüdische Schriftsteller Imre Kertösz. 1944 nach Auschwitz deportiert, 1945 in Buchenwald befreit, hat sich der Autor in

mehreren preisgekrönten Werken mit dem Thema Holocaust und Judentum auseinandergesetzt. Kertösz, der "Moralist" und "Fabelproduzent", dessen Freiheitsdrang, wie er schreibt, sich oft stärker erwies

als die "sogenannten realen Verhältnisse", bewundert "unsere Unwissenheit, Zerbrechlichkeit, Hinfälligkeit sowie unseren unbegreiflichen Mut ..., uns überhaupt zum Leben zu erkühnen".

Doch ist der Schriftsteller ident mit dem Menschen Imre Kertösz, dem Pessimisten, dem oft ratlosen Skeptiker, der sich der destruktiven Macht jener realen Verhältnisse nicht entziehen kann? Gibt es

diesen einen Menschen Imre Kertösz überhaupt oder nicht vielmehr eine Anzahl "anderer"? Wie unterscheidet er sich vom "Schriftsteller K.", und wie gehen beide mit ihrem "anderen Ich" um? Dies ist

Thema des Buches "Ich - ein anderer", eines glänzend geschriebenen, oft selbstironischen, nicht zuletzt auch spannenden philosophischen Essays, der gleichzeitig ein fragmentarisches Tagebuch der

Jahre 1992 bis 1995 darstellt.

Kertösz' Buch beinhaltet nicht nur rein reflexive, sondern auch brillante erzählerische Passagen, Traumsequenzen und Rückblenden. Kertösz versucht über die Veränderung des eigenen

Selbstverständnisses Rechenschaft abzulegen. Der ungarische Originaltitel, wörtlich übersetzt: "Jemand anderer. Chronik des Wandels" spiegelt dies wohl deutlicher wider als der deutsche. Dieser

Wandel fällt nicht zufällig mit der Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs in Ungarn zusammen.

Das ideologische Vakuum nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems, jene Zwischenwelt, in der die Vergangenheit allgegenwärtig, jedoch durch Neubewertungen, nicht selten auch Verklärungen,

selbst einem ständigen Wandel unterworfen ist, während die Zukunft noch nicht greifbar zu sein scheint, bildet den Hintergrund für Kertösz' Suche nach der eigenen Identität, deren abgründige

Mehrschichtigkeit ihm angesichts der Zeitumstände umso deutlicher bewußt wird. So ist für ihn die Erkenntnis, als Jude in Ungarn nur geduldeter Auáenseiter zu sein, zwar nicht neu, erschreckend