Cartoons: Pokornig
Cartoons: Pokornig

Der erste Reflex ist, dass man der jungen Autorin sorgenvoll-warnend zurufen möchte: Nein, tu’s nicht, damit wirst du nur Schiffbruch erleiden. Schreib bloß kein Buch, in dem die Hauptrolle die Stadt Wien spielt und dem als "Folie" auch noch Ingeborg Bachmanns "Malina" unterlegt ist! Doch dann tut sie es doch.

Schreibt ein Buch, das schon im ersten Absatz die Bachmann zitierend aufgreift - "Der Ort des Geschehens ist Wien. In Wien spielt es, und zwar heute. Nur bin ich heute nicht mehr da. Hier ist Wien. Ich bin weg." - und fortan neben Gudrun, Max, Laura, Peter und der abwesenden Margot vor allem einen "Helden" hat: die Stadt Wien, oder genauer: Wien im Sommer. Dabei stammt die Autorin gar nicht von hier, sie wurde 1979 im oberösterreichischen Steyr geboren, hat ein paar Jahre als Sozialpädagogin in Wien gearbeitet und lebt jetzt in Berlin. Kann das gut gehen?

Es kann. Und das hat vor allem damit zu tun, dass Christina Maria Landerl nichts beweisen will - nicht ihre Belesenheit, nicht ihre Klugheit, nicht ihre schriftstellerischen Fähigkeiten im Spiel mit der literarischen Tradition - und die Sache deshalb wunderbar unverkrampft angeht. "Ich wollte schon immer nach Wien. Aber nicht, weil ich Geschichten aus dem Wiener Wald gelesen habe. Auch nicht, weil ich die Strudl-hofstiege gelesen habe (das habe ich nicht) und nicht wegen Falco, den sich seit meiner Kindheit verehre; sondern weil ich Malina gelesen habe. Wer das Buch kennt, weiß, dass Wien darin keine sehr große Rolle spielt."

Das Ich, das hier spricht, gehört Margot (und natürlich auch ein wenig der Autorin). Margot ist verschwunden - "Jetzt soll Wien zusehen, wie es ohne mich zurechtkommt" -, und ihre Freunde verbringen den Sommer damit, sie, die schon immer ein paar Alkoholprobleme hatte und psychisch labil war, zu suchen. Fällt ihre Abwesenheit zunächst kaum auf, so nehmen die Besorgnisse im Lauf der Zeit doch zu. Ob sie sich etwas angetan hat (schließlich saß sie ja zuletzt an einer wissenschaftlichen Arbeit über Bachmanns "Malina", und wie das Buch endet, weiß man ja . . .)?

Oder ob sie einfach nur der Hitze Wiens und dem Wahnsinn der Wiener entflohen ist? Träge wie die Tage fließen Leben und Suche dahin. Peter, der eigentliche Petar heißt und aus Kroatien stammt, betreibt ein Lokal in der Margaretenstraße, Gudrun kellnert dort, Max war einmal ihr Freund, ist aber jetzt mit Laura zusammen, die ein Kind von ihm erwartet.

Und Margot? Sie blickt quasi von außen auf die Stadt, die in der sommerlichen Hitze vor sich hin dampft, auf das Treiben ihrer Freunde und erzählt davon, wie es ist, als Nicht-Wienerin in dieser "elenden Angeberstadt" zu leben. Dort, so sie immer wissen werden, "dass man nicht von hier ist, dass man sich eingeschlichen hat; die Kellner im Kaffeehaus zum Beispiel, die wissen es, die sehen es einem an. Und sie lachen heimlich darüber, wie man seinen Mokka bestellt, dass man die Vokale ein wenig lang zieht dabei und auf wienerisch macht."

Landerls Buch, das klugerweise auf jede Gattungsbezeichnung verzichtet, enthält wunderbar feinsinnige Beobachtungen über Wien: über die U-Bahn, die Falcostiege, das Schafbergbad, das AKH, den Siebensternplatz, die Gelsen, den Gürtel . . . Nur das Wien der Touristen und der Inneren Stadt kommt nicht vor. "An all diesen Orten im ersten Bezirk hat Gudrun nichts verloren; schließlich ist sie weder Touristin noch Hofratswitwe."

Am Ende jedenfalls ist der Sommer vorbei, Margot ist wieder da, und gut möglich, dass sich in der Zwischenzeit alles verändert hat, vielleicht ist aber auch alles beim Alten geblieben mit den Freunden, mit dem Leben, mit der Stadt. Der tranceartige Zustand, in den einen der Sommer versetzt hat, ist vorbei, und in die Erleichterung darüber, dass die Hitze endlich vorüber ist, mischt sich ein wehmütiges Gefühl des Abschieds. Und ganz ähnlich ergeht es dem Leser dieses leichtfüßigen Debüts, das durch seine sprachliche Lakonie ebenso besticht wie durch seine Wahrnehmungsschärfe.

"Es ist kein schlechter Sommer gewesen", heißt es abschließend. "Und ich werde die Stadt verlassen." Hoffentlich, so möchte man Margot respektive Christina Maria Landerl zurufen, um ein neues Buch zu schreiben, das uns Lesern - Wienern wie Nicht-Wienern - ähnlich viel Freude bereitet wie dieses.