Wer Latein in der Schule hatte, ist mit ziemlicher Sicherheit irgendwann mit zwei Versen Catulls in Berührung gekommen: "Odi et amo", beginnt dieses berühmte Liebesgedicht, und meist musste der Lehrer schon hier korrigierend eingreifen: Damit das Versmaß des elegischen Distichons stimmt, muss der Vokal am Wortende weggelassen werden, sodass sich das Ganze nach "odetamo" anhört. Der Rest enthält noch einmal zwei solcher Elisionen und lautet: "Quare id faciam fortasse requiris. / Nescio. Sed fieri sentio et excrucior." In langatmiges Deutsche lässt sich das in etwa so übersetzen: Ich hasse und liebe. Warum das so ist, fragst du vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich spüre nur, dass es geschieht, und das quält mich.

Nun gilt Latein bekanntlich als "tote" Sprache, was freilich nichts daran ändert, dass Catulls hasserfüllter Liebesschmerz ein höchst lebendiges Phänomen ist. Wie lebendig, das zeigt ein wunderbarer Gedichtband des 1968 in Kärnten geborenen und in Tirol lebenden Christoph W. Bauer: "mein lieben, mein hassen, mein mittendrin du" (Haymon 2011). Catulls Liebeslyrik ist für Bauer vieles: Leitmotiv, Folie, Grundton, Bezugstext - vor allem aber Quell höchst origineller Poesie, die das schier unendliche Feld der Liebe abschreitet. Die Verse "catullchens" über den "morbus amatoris" werden spielerisch aufgegriffen, parodiert, umtänzelt, aktualisiert: "bin also eingezogen in odetamo / eine stadt aus worten kaum zwei verse groß". Schön, wie leichtfüßig und zugleich kunstvoll Bauer die Antike produktiv werden lässt.

Auch Norbert Hummelt hat sich einen uralten Dichtungstopos gegriffen und daraus einen ähnlich eleganten Gedichtband gebaut. "pans stunde" (Luchterhand 2011) spielt auf unangestrengte Weise mit dem Motiv des bocksbeinigen Gottes, dem die Mittagsstunde heilig ist und der, wird er gestört, gerne ganze Rinderherden in Panik (daher auch dieses Wort) versetzt. "Haltlose Furcht" nennt Hummelt diesen Zustand, der einen befällt, wenn man Pan beim mittäglichen Flötenspiel in die Quere kommt.

Doch nicht nur dem "mittagsdämon" begegnet man in diesen Gedichten, Pans Stunde ist auch der Moment gesteigerter Wahrnehmung, in dem die verschiedenen Zeiten im Bewusstsein des lyrischen Ichs zusammenschießen und sich unerwartete Assoziationsräume eröffnen. "wir gingen zügig ohne zu halten bestimmten / beide den zitronenfalter u. eine stunde lang war eine / stunde da wo weder du noch ich vorher gewesen war." Bauer und Hummelt demonstrieren aufs Vortrefflichste, dass man sich auch heute problemlos klassischer Topoi und durchaus strenger Formen bedienen kann, ohne deshalb auch nur im Geringsten angestaubt oder unmodern zu klingen.

Das gilt in noch extremerem Maße für den 1969 in Dresden geborenen Christian Lehnert. Er haucht einer Gedichtform neues Leben ein, die in seiner Genera- tion, wenn überhaupt, allenfalls mit ironisch-spitzen Fingern angefasst wird: der religiösen Lyrik.

Seine Gedichte sind darüber hinaus noch durchgängig gereimt und folgen strengen Versmaßen - anachronistischer geht es kaum. Und doch nimmt einen sein jüngster Band "Aufkommender Atem" (Suhrkamp 2011) sofort gefangen mit einem Sound, der ein wenig klingt wie der entstaubte und verschlankte Rilke des "Stunden-Buchs": "In mich hinein sieht eine klare Nacht. / Ich bin ihr Wort und fange eben an, / es zu verstehen, und sie wartet, wacht / bei meinem Herzen, daß ich ruhen kann."

Lehnert, der an der Evangelischen Akademie in Wittenberg, also in protestantischem Kernland, tätig ist, greift mutig vom Physischen ins Metaphysische aus, ohne dass daraus je billige Erbauungslyrik entstünde. "Ich sammle Spuren, über weite Strecken / ganz im Alleingang, Rohzustand in Resten" - diese Verse Lehnerts können für den bescheidenen und zugleich selbstbewussten Anspruch aller drei Lyriker stehen: Spuren zu sammeln von dem, was war und nicht mehr ist und doch für den Augenblick des Gedichts noch einmal höchst lebendig werden kann.