Herbert Tichy an seinem Schreibtisch, 1954. - © Imagno /Barbara Pflaum
Herbert Tichy an seinem Schreibtisch, 1954. - © Imagno /Barbara Pflaum

Weltreisender, Schriftsteller, Umweltschützer, Geologe, Liebhaber von Filterlosen und Hochprozentigem, Teilnehmer an der ersten Motorradfahrt nach Indien, und natürlich, aber mehr nebenbei, Erstbesteiger eines Achttausenders - all das und noch einiges mehr war der am 1. Juni 1912 in Wien geborene und 1987 daselbst verstorbene Herbert Tichy.

Berühmt geworden ist er 1954 durch die Erstersteigung des 8153 Meter hohen Cho Oyu, einem der "leichteren" Achttausender am äußeren Rand der Welt. Die Expedition bestand aus drei Österreichern, Tichy, Sepp Jöchler und Helmut Heuberger, und einigen Sherpas, und das Expeditionsgepäck, das 900 kg wog, wurde von 50 Trägern ins Basislager am Fuß des Berges geschafft.

Helden der Nation

Das war ein Bruchteil von dem, was zu dieser Zeit Expeditionen zu den Weltbergen benötigten. Üblicherweise wurden die begehrten Achttausender von militärisch durchorganisierten Truppen mit hunderten von Trägern und einem Dutzend Bergsteigern berannt. Aber Tichy, der sonst eigentlich lieber wanderte und das am liebsten allein, hatte bei seinen Reisen im Inneren Asiens den Plan gefasst, auch einen der großen Berge dort zu besteigen.

Pasang Dawa Lama, ein Sherpa, den er von einer früheren Unternehmung her kannte, hatte ihn auf den noch unbestiegenen Cho Oyu mit den Worten aufmerksam gemacht "a mountain can do" - ein Berg, der mit einfachen Mitteln zu schaffen ist. Und Pasang war es auch, der zusammen mit Jöchler und Tichy schließlich ganz oben stand. Es war knapp hergegangen. Der erste Versuch endete im überstürzten Rückzug in einem Schneesturm - und damit, dass Tichy beide Hände erfroren und er sich bis auf weiteres weder die Hose aufknöpfen konnte, um seine Notdurft zu verrichten, noch sich eine seiner lebensnotwendigen Filterlosen anzuzünden. Das und noch mehr, nämlich so ziemlich alles, mussten seine Bergkameraden für ihn machen.

Dann tauchte überraschend eine Schweizer Expedition auf; die Mannschaften begrüßten einander mit einem wechselseitigen "Was machen denn Sie hier?" Nach einigem Hin und Her erklärten sich die Schweizer bereit, den Österreichern noch eine Chance zu lassen. Die nutzten sie, und als sie nach vielen Wochen endlich wieder in der Heimat eintrafen, waren sie die Helden der Nation. Man bedenke, dass Österreich im Jahr 1954 ein an den Kriegsfolgen laborierendes, von den Alliierten besetztes kleines Land war, das jede Art von Aufmunterung gebrauchen konnte. Und seine erfolgreichen Bergsteiger und Skifahrer sorgten für eine solche. Heute noch lässt sich das Nationalgefühl durch sportliche Erfolge aufmöbeln.

Ein wenig berühmt war Herbert Tichy schon seit den 1930er Jahren gewesen. Im zarten Alter von 21 hatte er zusammen mit dem Motorradpionier Max Reisch eine Fahrt von Wien nach Bombay unternommen. Der fahrbare Untersatz war eine 250er Puch. Der Motor hatte 6 PS, das Gefährt wog 190 kg, und die Länge der projektierten Reiseroute betrug rund 13.000 km. Über weite Strecken konnte man nicht mit Straßen im engeren Sinn rechnen, und am Ende wäre die glückliche Heimkehr beinahe daran gescheitert, dass Reisch den Bedarf an Ersatzspeichen dramatisch unterschätzt hatte.

"Wir sprachen in all diesen Tagen nur sehr wenig. Der Tod saß uns im Nacken, denn wenn das Hinterrad zusammenbrach, war es aus - und zwar endgültig. Herbert schleppte sich große Strecken zu Fuß vorwärts, um das Motorrad zu entlasten. Ich fuhr so vorsichtig, als hätte ich statt Räder rohe Rieseneier in den Achsen. Aber es half alles nichts. Die Räder wurden immer ,eckiger‘, von Stunde zu Stunde warteten wir auf den endgültigen Zusammenbruch", schreibt Reisch in seinem Buch über die denkwürdige Reise; am Ende ging alles gerade noch gut aus; ebenso wie die Motorradfahrt, die Herbert Tichy zwei Jahre später, diesmal solo, in Indien unternahm. Sie führte ihn nicht nur nach Afghanistan und Burma, sondern auch nach Tibet. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, den heiligen Berg Kailash zu besuchen; zu diesem Behufe verkleidete er sich als indischer Pilger. Unter der Obhut eines einheimischen Freundes, den er inzwischen gewonnen hatte, schlossen sie sich einer Pilgergruppe an. Um nicht in die Verlegenheit zu kommen, sich mit den anderen Pilgern unterhalten zu müssen, schlüpfte Tichy in die Rolle eines geistig stark Behinderten. Dass sich die Leute ganz problemlos von seiner schauspielerischen Leistung überzeugen ließen, kränkte ihn dann doch ein wenig.

Aufgeflogen wäre der Schmäh dann beinahe, weil Tichy noch den Versuch unternahm, einen am Weg liegenden 7000 Meter hohen Berg "mitzunehmen". Und dann versuchte er auch noch heimlich zu fotografieren, wovon der zufällig anwesende Fürst von Westtibet Wind bekam. Tichy durfte erst weiterziehen, als er dem Fürsten sein Fernglas überlassen hatte, durch das man offenbar die Götter auf dem Kailash sehen konnte.

Herbert Tichy stammte aus gutbürgerlichem Wiener Milieu; die Geschäfte waren, wohl auch durch die Zeitläufte bedingt, nicht immer blendend gegangen. Aus seiner gutsituierten Jugend war ihm zumindest ein lebenslanges Wohnrecht in der großelterlichen Villa geblieben, die freilich längst verkauft war, und Anteile an einem Wiener Kino. Vor allem für seine zahlreichen und teils Jahre dauernden Reisen musste das Geld irgendwo, irgendwie verdient werden. So kam er, der ursprünglich Geologie studiert hatte, auf den Journalismus und aufs Bücherschreiben.