Zu den Altmeistern der deutschsprachigen Lyrik gehört Wulf Kirsten. Der 1934 bei Meißen geborene, heute in Weimar lebende Autor versteht es wie kaum ein zweiter, lyrische Tradition (von den Romantikern bis zu Peter Huchel) auf unerhört moderne Weise fruchtbar zu machen. Bedichtete er in seinen Anfängen die "erde bei Meißen", so widmet er sich nun in "fliehende ansicht" (S. Fischer, Frankfurt/M. 2012) vor allem der Landschaft rund um die ehemalige Hauptstadt der deutschen Klassik.

Kirsten ist vermutlich der bedeutendste lebende Naturlyriker, doch seine Natur ist immer durch und durch mit Geschichte und Erinnerung angefüllt: "tief abgesunkene / geschichte, der die augenzeugen / ausgehn, geschehen zu meiner zeit."

Wie ein "landschreiter" erkundet er sein Terrain, die Gedichte tragen Titel wie "hügelreiches land", "am feldrand" oder "vorgänge naturgeschichtlicher art", und wie immer nimmt Kirsten gerne längst vergessene Wörter wie "bauendörnicht", "sömmerisch", "trübetimpelig" oder "bedript" in seine Verse auf.

Und so öffnet sich in diesen Naturgedichten ein von vielerlei Echos durchzogener Gedächtnis-Raum, der stets bis in die unmittelbare Gegenwart ausstrahlt und alles andere als idyllische Geborgenheit vermittelt: "irgendetwas stimmt nicht / in dieser weltordnung, / die doch gemeinhin für die beste / aller möglichen gehalten wird."

Selten ist dieses Unbehagen eindrücklicher, kunstvoller, geschichtsbewusster formuliert worden als in den Gedichten Wulf Kirstens.