"Mohr im Hemd": Gibt es für ihn denn keinen politisch korrekten Namen? - © Wikimedia/Sandstein
"Mohr im Hemd": Gibt es für ihn denn keinen politisch korrekten Namen? - © Wikimedia/Sandstein

Ein ehrbares Anliegen wird zum Streitpunkt; das gute Recht eines jeden, nicht diskriminiert zu werden, verkommt zu einem Kampf um Anerkennung spezieller Lebensstile. Kaum ein Konzept findet so wenige gemeinsame Nenner wie politische Korrektheit, obwohl diese an sich ein Kind der Menschenrechte und somit der Freiheit wäre. Warum? Für "Falter"-Redakteur Matthias Dusini und FM4-Radiomacher Thomas Edlinger ist diese Entwicklung der Opferkultur in Demokratien geschuldet, die unzureichend zwischen wahren, gefühlten und eingebildeten Opfern unterscheidet. In ihrem detailreichen, sehr spannenden und mit pointiertem Witz geschriebenen Essay "In Anführungszeichen: Glanz und Elend der Political Correctness" beschreiben sie die differenzierte Geschichte des Begriffs, natürlich aus ihrer Sicht.

Der Begriff "political correctness" (PC) entstand in den 1980er Jahren in der Folge amerikanischer Bürgerrechtsbewegungen. Ihre Vertreter wollten der Diskriminierung von Minderheiten durch nicht wertende, neutrale Sprache entgegenwirken. Sie forderten Gerechtigkeit und eine angemessene Repräsentation ihrer selbst und ihrer Anliegen in der Öffentlichkeit. "Ist nicht die Geschichte der Political Correctness eine des Fortschritts, ein Praxiskurs in Sachen Demokratie von unten?", stellen die beiden Autoren in den Raum.

So war sie wohl gedacht. Der Feminismus, die Bürgerrechtsbewegung, die Ökobewegung oder die Alternativkulturen schärften das Sensorium für Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit gegenüber der Ausbeutung durch Privilegierte. Ähnlich verwehrten sich sexuelle Bewegungen dem Diktat sexueller Stereotypen. Laut den Autoren bedingt allerdings die Demokratie einen fast pathologischen Kampf um Anerkennung, weil sie "nichts anderes ist als ein Umverteilungsunternehmen in Permanenz". Dabei verlieren gemeinschaftliche Anliegen gegenüber dem Streben nach Individualität an Gewicht. Wer ihm nicht Rechnung trägt, erzeugt Opfer, die auf ihre Gleichgestelltheit pochen.

Zu keinem Moment negieren Dusini und Edlinger die Existenz echter Opfer - von Rassismus, sozialer Ungerechtigkeit, Sexismus oder sonstiger ablehnender Haltungen. Doch sie streichen hervor, dass viele Menschen sich nur als Opfer fühlen, ohne welche zu sein, und damit die Opferdebatte am Köcheln halten, um ihrem eigenen Dasein mehr Gewicht zu verleihen. So wird die Suche nach dem "richtigen Leben" zur Suche nach einem Kompass, der immer feiner justiert wird, so lange, bis er seinem Besitzer mehr Einschränkungen auferlegt als er ihm Handlungsspielraum schenkt.

Sachbuch
In Anführungszeichen: Glanz und Elend der Political Correctness
Matthias Dusini, Thomas Edlinger
Edition Suhrkamp, 297 Seiten, 16,50 Euro