Unter den Bestsellern in der Sparte Belletristik findet man nicht selten Bücher, die kurz sind und einfach zu lesen. Ideale, anspruchslose Lektüre für den Strand oder eine Bahnfahrt also. Dass man hingegen anspruchsvolle Literatur auch gern als "schwer" bezeichnet, liegt ja nicht nur am Gewicht des Leineneinbands. Alexander Kluge ist unzweifelhaft ein Autor anspruchsvoller Literatur, ja er ist sogar einer der größten Schriftsteller überhaupt, die es in der deutschsprachigen Literatur gibt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil es ihm seit nun schon fast fünf Jahrzehnten gelingt, sich mit seinen zumeist kurzen Prosatexten zwischen den Gegensätzen "leicht" und "schwer" zu bewegen.

Kluge wird nächstes Jahr achtzig und hat in seinem Leben über dreißig Filme gedreht. Der Klappentext seines neuesten Buches zitiert ihn jedoch mit dem Satz: "Mein Hauptwerk sind meine Bücher". In der Tat hat er in den letzten 15 Jahren seine literarische Produktion mit einer geradezu unglaublichen Produktionsrate angekurbelt. 2009 veröffentlichte Kluge "Das Labyrinth der zärtlichen Kraft", eine Sammlung von 166 Liebesgeschichten, Ende 2010 erschien "Dezember", eine winterliche Kooperation mit Gerhard Richter, der die knapp 40 Texte Kluges mit Fotografien verschneiter Landschaften begleitete.

Und jetzt folgt bereits die nächste Lieferung: 133 politische Geschichten, deren merkwürdiger Titel, "Das Bohren harter Bretter", sich auf einen 1913 von Max Weber gehaltenen Vortrag bezieht, in dem es hieß, die Politik sei "ein starkes langsames Bohren harter Bretter mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich".

Wenn es allerdings bei Alexander Kluge um Politik geht, dann in einem umfassenden Sinne. Dieser umfasst zwar die großen Wendepunkte der Historie und die Macher der Geschichte, konzentriert sich aber insbesondere auf Zaungäste und Assistenten der Machthaber, wie er vor allem dem nachgeht, was das Politische im Individuum für Folgen hat.

Mit Tagespolitik hat Kluges Politikbegriff also recht wenig zu tun. Vierzig Jahre, so erinnert er, dauert es, bis eine Veränderung sich durchgesetzt oder eine Reform Wirkung zeigt. Auch weiß Kluge als intelligenter und unabhängiger Marxist, dass man Weitblick haben muss, um die Entwicklungsgesetze der Gesellschaft zu erkennen, und spannt daher ein Panorama, das von der Gegenwart bis zur Antike zurück reicht, und gelegentlich noch ein gutes Stück weiter.

Die Abfolge seiner Geschichten gehorcht aber keiner zeitlichen Abfolge oder logischen Ordnung, sondern assoziativen Verbindungen. Es ist insofern, um einen Begriff des Ethnologen Claude Lévi-Strauss aufzugreifen, eine narrative Form "wilden Denkens", bei dem Kluge nicht - wie ein Ingenieur - gemäß eines vorgefertigten Plans vorgeht, sondern gleich einem Bastler die unterschiedlichsten erzählerischen Bauteile zusammensetzt, um experimentell zu erproben, was dabei herauskommt.

Ebenso gehört es bei Kluge zur Poetik des offenen Textbegriffs, dass er keine Lehren erteilt. Vielmehr liegt es an uns, aus den Geschichten eine Lektion zu ziehen. Das gilt auch für die Bewertung ihres Wahrheitsgehalts. Vermutlich schummelt Kluge, wenn er uns erzählt, dass zeitweise 46 Institute der sowjetischen Akademie der Wissenschaften an einem Wundermittel zur Unsterblichkeit der Menschen forschten.

Doch wer weiß? Worum es den Kommunisten ging, war das politische Erlösungsversprechen der Revolution konsequent wahrzumachen, indem man den Tod abschafft, das utopische Endziel der Auferstehung der Toten erreicht und die Gleichstellung aller kommenden Generationen herstellt. "Das Politische muss sich der Kritik der Ungeborenen unterwerfen?", fragt die anonyme Erzählerstimme. "Was sonst?", lautet die Gegenfrage, die uns zum Nachdenken provozieren sollte.

Alexander Kluge: Das Bohrern harter Bretter. 133 politische Geschichten. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 340 Seiten, 25,60 Euro.