In Indien, China und Südostasien wächst ein Männerüberschuss heran. In Indien wird das Verhältnis der Geschlechter derzeit mit 914 Mädchen zu 1000 Buben angegeben. Bei einer Gesamtbevölkerung von 1,2 Milliarden Menschen entsteht also ein ungeheurer Männerüberschuss, der schon heute zu extremen Ausschlägen im sozialen Verhalten führt. Brautkauf und Frauenraub sind nicht selten und machen auch vor Staatsgrenzen nicht Halt.

Die Ursachen liegen auf der Hand. Die Bevorzugung von männlichen Nachkommen aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen oder bloß jahrhundertealter Tradition führte in der Vergangenheit zur Tötung neugeborener Mädchen und heute dank der durch Ultraschall möglichen Geschlechtsbestimmung zur Abtreibung weiblicher Föten ("gendercide"). Da China noch immer an der Einkind-Politik festhält, ist diese geschlechtsspezifische Selektion fast an der Tagesordnung. Im Jahr 2030 könnten bereits acht Prozent der chinesischen Männer, das wären 104 Millionen, keine Frau mehr finden, weil für sie keine mehr da ist.

Die österreichische Ex-Diplomatin und versierte Nahost-Kennerin Karin Kneissl nimmt dieses Thema auf, das in den Analysen politischer Ereignisse gern übersehen oder verdrängt wird. Sie geht dabei von ihren Nahosterfahrungen aus. Dort ist zwar das Geschlechterverhältnis zahlenmäßig im Gleichgewicht, nicht aber in seiner sozialen Einbettung.

Die Autorin wundert sich, dass im Westen vor allem die Lage der arabischen Frauen diskutiert wird und nicht die der Männer, die massenweise frustriert sind. Islamische Religion und Sozialordnung verwehren ihnen vor der Heirat den geringsten Umgang mit dem anderen Geschlecht, sofern sie nicht einer Elite angehören. Eine Heirat können sie sich aber die längste Zeit nicht leisten, weil der damit verbundene materielle Aufwand zu hoch ist. Das Dilemma zeigt sich schon im Status: Ansehen erwerben arabische Männer durch eine solide Heirat und als Familienväter.

Sozialer Sprengstoff von Ostasien bis Nordafrika

Das Sexualhormon Testosteron, das dem Buch den Titel gibt, lässt sich jedoch weder im arabischen Raum noch im Reich des Konfuzius kaltstellen. Es drängt die Männer nicht nur zur Befriedigung des Sexualtriebs, sondern erhöht Wettbewerbsfreude und Kampfgeist bis hin zum Imponiergehabe. Ventile werden gesucht. In islamischen Staaten entstehen so doppelbödige Einrichtungen wie formlose "Kurzehen", die bloß für Stunden oder auch längere Zeit abgeschlossen werden und die beteiligten Frauen zu Verlierern machen. Internetsex erreicht eine wachsende Bedeutung in sozial gegängelten Gesellschaften, wenn 60 Prozent der Bevölkerung jünger als 25 Jahre sind.

Daraus leitet Kneissl die vielleicht provokant klingende Frage ab, ob der Testosteron-Spiegel der Männer in revolutionären Epochen geschichtswirksam werde und es vielleicht auch bei den Ereignissen im "Arabischen Frühling" geworden sei. Der Hormonpegel schlägt nach allen Richtungen aus und kann Männer auch in einer Beschützerrolle aufgehen lassen, schreibt Kneissl. Zugleich seien die Männer geborene Milizionäre, die in turbulenten Zeiten ohne Generalplan entweder Straßen blockieren oder Bevölkerungsteile terrorisieren.

Von Ostasien bis Nordafrika lässt sich eine gemeinsame Sorge ableiten. Wenn sich Massen von Männern sexuell und familiär deklassiert fühlen, sammelt sich sozialer Sprengstoff an, der auch politisch missbraucht werden kann. In der Vergangenheit wurden Männerüberschüsse exportiert und in Kolonien oder Kriege geschickt. Aber auch heute könnte ein Regime versucht sein, sie als Kanonenfutter loszuwerden.

Kneissl berührt Fragen der Evolution, der Psychoanalyse, der Gehirnforschung und hat offenbar eine Unmenge darüber gelesen und recherchiert. Dennoch gibt sie zu, dass ihre Ausführungen nur ein Anstoß zu weiterer Forschung sein können: "Dieser biochemische Blick auf die Weltpolitik versteht sich nicht als Antwort, sondern als Frage."