Seit die Menschen sesshaft geworden sind, gab es wahrscheinlich keinen so großen Umbruch in der Landwirtschaft wie seit 2008. Riesige Boden- und Ackerflächen sind in aller Welt zum Investitions- und Spekulationsobjekt geworden. Der deutsche Journalist Wilfried Bommert, der Agrarwissenschaft studiert hat, schätzt, dass 40 Prozent der Ackerflächen der Erdkugel zum Verkauf anstehen. Millionen von Hektar Land geraten in neue Hände. "Ein Bodenrausch ohne Beispiel - mit dramatischen Folgen für die Weltgemeinschaft."

Ursachen, Ereignisse, Drahtzieher, Idealisten, Spekulanten, Verlierer und Gewinner mischen sich in nicht mehr unterscheidbarer Form. Wahr ist nur, dass mit der um 2008 und parallel zur Weltwirtschaftskrise ausgebrochenen Hungerkrise die Renditeberechnungen auf dem Kopf stehen. Das Öl geht zu Ende, Offshore-Förderung ist nach den großen Ölkatastrophen eine teure Angelegenheit geworden. Also nehmen Staaten, Großbanken, Versicherungen, Pensions- und Immobilienfonds und Einzelmilliardäre den Agrarsektor als vielversprechende Anlageform ins Visier. Die Weltbank beziffert die 2009 getätigten großflächigen Agrargeschäfte mit 45 Millionen Hektar.

Agrarreformer mit riesigen Gewinnen

Wo? In fast ganz Afrika von Sudan bis Simbabwe ist der Ausverkauf weit fortgeschritten, in Brasilien und Argentinien fallen der Agrarspekulation endlose Waldgebiete zum Opfer, ein Heer indonesischer Bauern fürchtet, zu Billiglohnarbeitern großer Agrarkonzerne zu werden. Finanzwirtschaft, Energiewirtschaft und die chemische Industrie treten mit hohen Investitionsmitteln als Agrarreformer in den "failed states", den gescheiterten Staaten der Welt, auf. Sie pachten oder erwerben riesige Ländereien, stellen modernste Tier- und Pflanzenfarmen hin und machen dank niedrigster Abgaben und billiger Arbeitskräfte Riesengewinne. Die Produkte gehen manchmal ausschließlich in den Export, die Einheimischen sehen nichts davon.

Der Autor ruft nach internationalen Konventionen und einklagbaren Regeln, aber solche Appelle landen erfahrungsgemäß in einem Raum, den "der Markt" längst besetzt hat.

Eine "Win-win-Situtation" oder "Brandbeschleuniger"?

Informativ und spannend zu lesen sind die Reportagen des Italieners Stefano Liberti. Er führt die ins Niemandsland gestellten riesigen Agrarfabriken vor und spürt der unseligen Vereinigung von ausländischem Kapital und sorglosen einheimischen Machthabern nach.

Äthiopiens Ministerpräsident Meles Zenawi, dessen Partei sich 2010 mit 99,6 Prozent Zustimmung die unumschränkte Herrschaft sicherte, verfügt über den gesamten Boden des Staates. Das Regime fragt nicht, was das Volk braucht, sondern dass "der Staat" Devisen benötigt.

Sehr gut herausgearbeitet wird die Sondersituation Saudi-Arabiens und der Golfstaaten. Ihre mit Ölgeld-Milliarden finanzierten Grüngürtel verschlangen zu viel Wasser und waren ein Misserfolg.

Die Staaten bleiben auf Agrarimporte angewiesen, erlebten dabei aber, dass Lieferländer diese lebenswichtige Zufuhr stoppen können. Deshalb der Wunsch, eine eigene Agrarproduktion dort aufzunehmen, wo es fruchtbares und billiges Land gibt. Also in Afrika.

IWF, FAO, EU und Weltbank sehen in dem Sturm westlicher Investoren auf Grund und Boden eine "Win-win-Situation" für alle Beteiligten. Bommert hält die Institutionen für "Brandbeschleuniger" bei der Schaffung eines neuen Kolonialismus. Der Boden ist zum Finanzprodukt geworden, und auch die westliche Wohlstandswelt wird nicht nur auf der Gewinnerseite dieser Entwicklung sein.