Diesmal ein Briefroman. Oder zumindest weitgehend. Martin Walser ist auch im stolzen Mannesalter von 85 Jahren nicht aufzuhalten. Fast jedes Jahr erscheint ein neues Buch. So auch heuer. Das macht endgültig klar: Ein veritables Alterswerk, im umfassenden Sinne des Begriffes, bildet sich heraus. In anderen Worten: Am Ende eines ohnehin bemerkenswerten Schriftstellerlebens entsteht ein eigenständiger Werkabschnitt, in dem Rückschau gehalten wird und Themen verhandelt werden, die in Anbetracht des unvermeidlichen Endes dringliche Relevanz gewinnen.

Um zwei Themen kreist Walser bekanntlich seit "Der Augenblick der Liebe" (2004), nämlich zunächst die (Unmöglichkeit der) Liebe und, seit neuestem, die Theologie. Der Schweizer Theologe Karl Barth gewann im persönlichen Kanon Walsers eine besondere Präsenz, so schon im vorherigen Roman "Muttersohn" (2011) wie auch in seinem Essay "Über Rechtfertigung" (2012). Im neuen Romanwerk, "Das dreizehnte Kapitel", ist es eine Professorin der Theologie namens Maja Schneilin, die Barths Texte zum Leitfaden ihrer Weltanschauung machte. Ihr im Roman wiedergegebener Briefwechsel mit dem Schriftsteller Basil Schlupp gibt Walser ausreichend Gelegenheit, Zitate aus den Schriften Barths unterzubringen.

Zustande kommt die Korrespondenz zwischen den beiden jeweils verheirateten Personen auf kuriose Weise: Schlupp sieht die Theologin bei einem Festempfang, den der deutsche Bundespräsident zu Ehren ihres Mannes, eines verdienten Wissenschafters und Unternehmers, in seinem Berliner Amtssitz Schloss Bellevue gibt. Zwar wechseln die beiden dort keine Worte, doch lässt sich Maja Scheilin auf einen, vom traditionellen Brief zunehmend zum E-mail übergehenden Kontakt ein, nachdem sie gleichsam aus dem Blauen ein umfangreiches Schreiben aus der Feder des Schriftstellers erhält, in dem er ihr auf so eindeutige wie umständliche Weise seine Verfallenheit preisgibt.

Von nun an wechseln sich zwischen zwei (angeblich) glücklich Verheirateten die Briefe - die vielmehr Geständnisse, Forderungen, poetische Explorationen, amouröses Verführungsspiel und manches mehr sind - in einem erst regelmäßigen, dann zunehmend irregulär werdenden Rhythmus ab.

Auch kommt es, soviel zumindest sei verraten, zu einem überraschenden Zerwürfnis zwischen dem merkwürdigen Paar, das den Kontakt vorübergehend zum Erliegen bringt. Am Schluss jedenfalls findet das statt, was sich angesichts der Umstände beständig abzeichnete - ein unhappy end.

Martin Walser - bedarf es der Hervorhebung? - ist selbst in hohem Alter noch einer der herausragendsten Autoren deutscher Sprache. Und in den Episteln, die die Liebenden in diesem Buch tauschen, klingt nicht nur in den vorgeblich von Basil Schlupp verfassten Schreiben deutlich die unverkennbare Stimme, der unverkennbar ironisch-meisterliche Stil von Walser durch. Selbstverständlich spielt dieser mit der naheliegenden autobiografischen Lesart seines Textes, denn was Schlupp über sein Werk, sein Leben, seine Ehe und Sonstiges sagt, das spielt immer auch auf die kolportierten Fakten über die amourösen Eskapaden des Autors Walser an, ohne dass man freilich so naiv sein sollte, Erzähler und Privatperson einfach gleichzusetzen.

"Das dreizehnte Kapitel" ist keines der Meisterwerke, wegen derer Martin Walsers Ruhm noch lange am Firmament der deutschsprachigen Literatur leuchten wird. Um ein lesenswertes Buch handelt es sich bei diesem Baustein in seinem abgehobenen Alterswerk aber auf jeden Fall.