"Ich lese gerade Ihr Buch", lässt der Autor Wolf Haas eine Nebenfigur gegen Ende seines neuen Romans, "Verteidigung der Missionarsstellung", zum Erzähler Wolf Haas sagen. Das Ansprechen des Textes im Text sowie die Namensgleichheit von Autor und Erzähler sind nur einige der zahllosen Finessen in dem Buch. Speziell dieser Kniff erinnert an die formale Anlage in "Das Wetter vor 15 Jahren" (2006), in welchem Roman ein Schriftsteller namens Wolf Haas zum Buchmarkt interviewt wird.

Autor und Cover in einem . . .
Autor und Cover in einem . . .

Autor, Schreiben und Erzählen sind als zentrale Themen aus Haas’ Werk nicht mehr wegzudenken, sie sind (s)eine Marke geworden. Sogar vom Cover aus schaut uns das Augenpaar des Autors an und er hält den Lesern vorne das Buch und hinten den Werbetext entgegen. Verpackung als Mehrdeutigkeit: Haas als fotogener Bestsellerautor, Haas als Erzähler im Roman und Haas als prominentes Zugpferd für den renommierten deutschen Verlag.

Die Geschichte selbst handelt diesmal vom Sich-Verlieben, und weil uns das so bekannt ist, finden sich reichlich vergnügliche Projektionsflächen: innere Herzberge, flauer Bauch und raue See. Denn nur von der Liebe zu erzählen, wäre für Haas ein zu alter Hut, zu langweilig, also geht es nicht allein um "Totally verloved, brutally verbrunzt, and I am completely broke, and she is the woman of my dreams an so on and so on", wie es an einer Stelle heißt. Vielmehr interessiert ihn die Frage: Wie schreibe ich über Liebe, sodass es unterhaltsam wird und auch ich selbst etwas davon habe?! Er hievt das virtuose Verführungsspiel auf mehrere Erzähl- und Sprachebenen, mit denen er den Leser umgarnt und verzärtelt, die Motive werden wild konstruiert und dekonstruiert, die Figuren durchaus herzlich an der Seelenwurzel gepackt und dann wieder namenlos fallen gelassen.

Der Liebe stellt der Autor die Seuche an die Seite. Auslöser für diese thematische Verquickung, so verriet Haas in einem Interview, war der schöne Satz eines Psychologen, die erste rasende Verliebtheit eines Menschen könne man mit den Kriterien einer Psychose gleichsetzen. Der Held, Benjamin Lee Baumgartner, ein junger Mann, groß, breit, hat halblange, kohlschwarze Haare, sieht aus wie ein Indianer, und getauft hat ihn seine bayrische Mutter nach dem Sprachforscher Benjamin Lee Whorf. Dieser Benjamin verliebt sich stets in atemberaubende Schönheiten, leidet unter immer neuen Verliebungen und infiziert sich – statt ins Glücksdelirium zu fallen – 1988 in London mit der Rinderseuche BSE, 2004 in Peking mit der Vogelgrippe und drei Jahre später, während der Vatersuche in New Mexiko, mit der Schweinegrippe.
Der erwähnte Linguist Whorf hat die These aufgestellt, dass nicht nur Sprache, sondern auch Schrift unser Denken formt. Haas wendet sie mit den Mitteln der Typographie und des Schriftsatzes wirkungsvoll an, macht Buchstaben zu dienstbaren Bildzeichen: Musiknoten, vertikale Buchstabe-für-Buchstabe-Zeilen, Um-die-Ecke-Geschriebenes, seitenweise chinesische Schriftzeichen, und auch das Paisley-Muster wird verschriftbildlicht und in den vorderen Buchdeckel eingestanzt.

All diese typographischen Lautmalereien stehen gleichberechtigt neben Haas‘ verlässlich gewitzten Spracheigenheiten, seinen abenteuerlichen Erzählkonstruktionen, den wohlinszenierten Tempiwechsel und der Mehrdeutigkeit. Ebenfalls neu in seinem Pouvoir sind amüsante Selbstkommentare bzw. Lektoratsanweisungen, die in Großbuchstaben und eckig geklammert daherkommen: [. . . WIE GEHT GLÜCK? MARGIT FRAGEN, OB SIE MIR WAS SCHREIBT, ODER EINFACH IRGENDWO WAS HERUNTERAXOLOTELN.].

Nein, herunteraxolotelt hat er da nichts. Im Gegenteil: Haas at his best. Hinter der Kunstfertigkeit seines literarischen Erfolgs steht das Bekenntnis zur eigenen Schreiblust, sei sie noch so verspielt, sprachverliebt, verquer. Selbst das Risiko, in der kleinen Geschichte die Dramaturgie zu opfern oder vor dem Großmotiv "Liebe" kapitulieren zu müssen, geht er leichtfüßig ein – wenn nur das Erzählen und die Sprache vorne bleiben dürfen.

Nichts geht direkt, alles wird über die Bande gespielt, in die Länge gezogen wie Strudelteig, bis der Autor uns kurz vor dem Ärgerlichwerden stets neu becirct und versöhnt, und wir am Ende des Buches das Gefühl haben: So ein Funkenflug!