Jedes Jahr im Herbst, wenn die Wetten auf den nächsten Träger des Literaturnobelpreises laufen, gehören ein paar amerikanische Autoren zu den oft und viel (und vergeblich) Genannten, die im Falle eines "Sieges" nicht viel Gewinn einbringen: Philip Roth, Cormac McCarthy, bis zu seinem Tod 2009 auch John Updike.

Einer aber ist seltsamerweise eher selten auf den Kandidatenlisten zu finden: der 1944 geborene Richard Ford, der spätestens seit seiner Trilogie um den Sportreporter und Immobilienmakler Frank Bascombe zu den herausragenden Gegenwartsautoren der USA zählt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Ford zu denen gehört, die sich viel Zeit lassen zwischen ihren Romanen, dass er die etwas abseitige Gattung der Novelle pflegt und zudem zwei Bände mit Stories publiziert hat. Vielleicht ist es aber auch nur so, dass Fords Helden zu "normal", ihre Erlebnisse zu unspektakulär, ihre Glaubenssätze zu lakonisch sind. .

"Kanada" ist Fords sechster Roman, und als Freund seines Werkes hatte man insgeheim gehofft, angesichts der Immobilien- und Finanzkrise in den USA würde erneut Frank Bascombe versuchen, die "Lage des Landes" anschaulich zu machen. Stattdessen hat Ford ein gut zwanzig Jahre altes Manuskript aus dem Kühlschrank geholt - dort bewahrt er die Sachen in der Tat auf, denn bei einem Brand bestehen im Eisfach die besten Chancen, dass sie überleben - und aus einer gut zwanzigseitigen Skizze einen brillanten Roman geformt, der einen gleich mit den ersten Sätzen in seinen Bann zieht: "Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden , die sich später ereigneten. Der Raubüberfall ist wichtiger, denn er war eine entscheidende Weichenstellung in meinem Leben und in dem meiner Schwester. Wenn von ihm nicht als Erstes erzählt wird, ergibt der Rest keinen Sinn."

So lakonisch, scheinbar simpel beginnen viele Texte von Richard Ford, und doch ist jedes Wort Ergebnis kunstvoller Komposition. Vor allem wird hier eine Spannungserwartung aufgebaut - und erst einmal radikal enttäuscht. Denn es dauert unendlich lange, bis von dem Raubüberfall erzählt wird, und was es mit den Morden auf sich hat, erfährt man erst weit in der zweiten Hälfte des Buches, ja, selbst der Name des Ich-Erzählers wird erst nach hundert Seiten mitgeteilt. Dell Parsons heißt er, und am Ende des Romans weiß man, dass er als Lehrer in Kanada lebt, kurz vor der Pensionierung steht und uns die Geschichte seiner Jugend vor allem erzählt, um seinem Leben einen "Sinn" zu geben und das "Mysterium", wie wir geworden sind, was wir sind, zumindest ein wenig zu enträtseln.

Richard Ford hat einen fast klassisch anmutenden Bildungsroman geschrieben. Der Banküberfall, den die Eltern nicht wirklich professionell verüben, wird zum entscheidenden Initiationserlebnis für den 15-jährigen Dell und seine Schwester. Als die Eltern kurz nach ihrer Tat festgenommen werden, ist die Welt für die Kinder mit einem Schlag eine andere: "Vor zwölf Stunden waren unsere Eltern noch hier gewesen. Ihre Regeln hatten unser Verhalten bestimmt, alles, was wir taten. Jetzt waren sie fort, und mit ihnen ihre Regeln. Mir wurde schwindlig davon. In dem Augenblick hatte ich eine vage Ahnung, wie der Rest meines Lebens sein würde." Das Gefühl der Freiheit ist zugleich eines der tabula rasa.

Dell ist nun ganz auf sich allein gestellt (die Eltern sieht er nie wieder), ihm allein obliegt es, aus seinem Leben ein "normales", gelingendes zu machen und "meinen Platz in der Welt zu finden". Eine Bekannte bringt ihn nach Kanada, wo er für einen zwielichtigen Menschen namens Arthur Remlinger arbeitet, Zeuge wird, wie dieser zwei Menschen erschießt, ihm hilft, die Leichen zu beseitigen, und von da an in dem Bewusstsein lebt, dass das "Böse" stets nur "einen Zentimeter vom Alltag entfernt" ist.

"Über die Jahre habe ich mir angewöhnt anzuerkennen, dass jede Situation, die mit Menschen zu tun hat, auf den Kopf gestellt werden kann. Alles, was mir irgendjemand als wahr versichert, könnte es nicht sein. Jede Glaubenssäule, auf der die Welt ruht, kann jeden Moment explodieren oder auch nicht. Die meisten Dinge bleiben nicht sehr lange, wie sie waren." Dell Parsons ist ein typisch Ford’scher Held: ein melancholischer Optimist, ein optimistischer Skeptiker, der nicht mehr will als "Normalität" und der weiß, dass es im Leben vor allem um eines geht: mit Verlusten fertig zu werden und einfach immer weiterzumachen. Sein Bestes zu geben. "Wir versuchen es doch alle. Du versuchst es. Ich versuche es. Wir alle. Was bleibt uns sonst?"

Richard Ford: Kanada. Roman. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. Hanser Berlin, Berlin 2012, 464 Seiten, 25,60 Euro.