"Wünschen Mylady noch etwas Milch in den Tee?"
"Danke, James, sehr gerne."
"Bitte sehr, Mylady. Haben Mylady noch einen Wunsch?"
"Ja, James, das Buch, bitte."
"Sehr wohl, Mylady. - Hier ist das Buch, Mylady."
"Danke, James."
"Haben Mylady noch einen Wunsch?"
"Nein, danke, James. Sie können sich zurückziehen und selbst in dem Buch lesen."
"Das werde ich tun. Danke, Mylady."

Sylvia Kristel und Nicholas Clay am Set von "Lady Chatterley’s Lover" aus 1981 - es haftet noch der prüde britische Charme. - © Just Jaeckin/Sygma/Corbis
Sylvia Kristel und Nicholas Clay am Set von "Lady Chatterley’s Lover" aus 1981 - es haftet noch der prüde britische Charme. - © Just Jaeckin/Sygma/Corbis

Anders gesagt: England ist ein Klischee. Und zwar eines, das von den Engländern selbst virtuos bedient wird. Englische Fernsehanstalten verfilmen die Romane von Jane Austen und ihrer Westentäschchen-Nachfolgerin Rosamunde Pilcher, Serien wie "Upstairs - Downstairs" ("Das Haus am Eaton Place"), "Forsyte Saga" und "Downtown Abbey" transportieren ein England in unsere Wohnzimmer und Köpfe, in dem vornehme Familien von einer standesbewussten Dienerschaft durchs Leben geleitet werden. Tee fließt in Strömen, Sperma hingegen kaum. England ist so exquisit wie prüde, "man" spricht nicht "darüber".

Sadismus im Nobelstore

Dennoch lesen Myladies und Butler und alle, oder sagen wir fast alle anderen Engländer derzeit ein Buch: "Fifty Shades Freed", den dritten Teil der Trilogie "Fifty Shades of Grey". Die Handlung entspricht jener der ersten beiden Teile, "Fifty Shades of Gray" und "Fifty Shades Darker": Die Literaturstudentin Anastasia Steele gerät an den Milliardär Christian Grey, der mit der sexuell unerfahrenen jungen Frau seine sexuellen Neigungen auslebt. Und die tendieren zu Bondage, Dominanz und Sadismus. Das alles ist dabei plastisch genug beschrieben, um mühelos in der Buchabteilung des Sexshops um die Ecke Eingang zu finden. Doch selbst noble Londoner Buchhandlungen finden nichts dabei, die drei Romane in ihre Schaufenster zu legen.

Eine Literatur, die man vor wenigen Jahren noch, keineswegs nur in Großbritannien, höchstens in den eigenen vier Wänden konsumiert hätte, schon um, läse man sie in der Öffentlichkeit, nur ja keine scheelen Blicke auf sich zu ziehen, weil ja im Grunde doch jeder weiß, was man da in Händen hält, wird jetzt in Großbritannien in den U-Bahnen gelesen, in Bussen, im Pub. Männer lesen es, Frauen lesen es. Entdeckt Großbritannien die Pornoliteratur?

Das Wort "entdeckt" ist jedoch falsch. Nur haben die England-Klischees mühelos überlagert, was es schon immer in der englischen Literatur gab, nämlich Erzählungen, die sich, je nach dem Stand der jeweils zeitgenössischen Moral, außerhalb dieser bewegten und sie heftig attackierten.

Es war eine Frau, die solches als Pionierleistung für sich und die englische Literatur beanspruchen kann, nämlich Emily Brontë. Dass sie ihren einzigen, stilistisch überwältigenden Roman, "Wuthering Heights", 1847 unter dem männlich klingenden Psedonym Ellis Bell veröffentlichte, war wohlbegründet: Als Frau im Zeitalter des Viktorianismus hatte man solche Literatur nicht zu verfassen - als Mann im Grunde auch nicht. Denn ein übler Charakter taugte in den Zeiten königlich verordneter Zucht und Ordnung ebenso wenig als Figur, wie ein Strudel obsessiver Leidenschaft als zentrales Handlungsthema schlicht indiskutabel war.

Gegen die Moral der Zeit

1891 läuft dann Thomas Hardy in "Tess of the d’Urbervilles" Sturm gegen die Sexualmoral seiner Zeit. Fast scheint es, als sei der Damm viktorianischer Wohlanständigkeit geborsten, und die Flut zurückgehaltener Leidenschaft bräche sich ungehindert Bahn. Eine "pure woman", eine "reine Frau" nennt Hardy seine Titelgestalt, die genau das nach den Konventionen seiner Zeit nicht ist. Hardys Sprache beschwört, zittert, bebt. Nie zuvor ist solche Literatur geschrieben worden - vielleicht auch nicht mehr nachher.

Wenig später, 1898, veröffentlicht der in England lebende gebürtige Amerikaner Henry James "The Turn of the Screw" ("Die Drehung der Schraube"). Sexuelle Besessenheit und Pädophilie drehen diese Schraube bis zur Hysterie an - doch James tarnt das Buch geschickt als Gespenstergeschichte, und die Engländer, die einer Gespenstergeschichte kaum widerstehen können, lassen sich täuschen. Erst in jüngerer Zeit hat die Anglistik die tieferen Schichten der Erzählung offengelegt.

Einen echten Skandal hätte es 1914 geben können, E. M. Forster aber legte seinen Roman "Maurice" in die Schublade. Zwar hatte schon 1890 Oscar Wilde in "The Picture of Dorian Gray" ("Das Bildnis des Dorian Gray") homosexuelle Beziehungen angedeutet, doch Forster wird, freilich auf hohem stilistischen Niveau, deutlich. Erst 1971 wird "Maurice" veröffentlicht und als Meisterwerk gefeiert. Für den Viktorianismus wäre das Werk zu früh gekommen.

Was der Viktorianismus hingegen zulässt, ist Erotik aus exotischer Quelle. 1884 übersetzt der englische Afrikaforscher und Orientalist Richard Francis Burton das Kamasutra aus dem Sanskrit. Das Buch wird als schlüpfrige Sex-Anleitung missverstanden - aber gelesen. Innerhalb kürzester Zeit weiß die gebildete Schicht Großbritanniens, was es mit dem Werk aus der fernen indischen Kolonie auf sich hat. Man genießt - und schweigt.