Das Erzählen anregender Geschichten scheint beim derzeitigen Lesepublikum wieder "in" zu sein. Eines von vielen Indizien für diesen Trend ist der Beachtungserfolg des Romans "Blasmusikpop" der jungen österreichischen Autorin Vea Kaiser, die sich selbst in Interviews als "G’schichtldruckerin" anpreist und mit dieser Selbsteinschätzung viel Zustimmung erfährt.

In früheren Jahrzehnten wäre sie damit vielleicht weniger gut angekommen. Vea Kaisers österreichischer Landsmann, der Romancier Hermann Broch, hat sich 1943 zum Beispiel genau gegen den "Standpunkt des Geschichtel-Erzählens" verwahrt, und gemeint, der moderne Romancier solle "nicht mehr das Lächeln des Herrn Schulze, nicht mehr das Sonnenlicht über Pötzleinsdorf, sondern ‚das‘ Lächeln schlechthin, ‚das‘ Sonnenlicht schlechthin" zeigen. Mit dieser Tendenz zur Abstraktion, die ein genuiner Bestandteil der Moderne des 20. Jahrhunderts war, hat Vea Kaiser nichts im Sinn. Sie ist eine vehemente Verfechterin der Vorstellung, ein Autor solle möglichst unbefangen "erzählen" und weiter nichts. Zur "Wiener Zeitung" sagte die Dreiundzwanzigjährige vor kurzem: "Erzählen ist etwas Grundmenschliches. Seit wir erzählen, leben wir nicht mehr auf Bäumen. Ich glaube, es gibt eine große Sucht danach. Die Welt ist voller Erzählungen. Erzählungen brauchen aber auch Zuhörer."

- © © Images.com/Corbis
© © Images.com/Corbis

Nun sind solche Bekenntnisse zum Erzählen nicht erst in der allerneuesten literarischen Saison entstanden. Schon 1972 verkündete der Suhrkamp-Verlag die Parole "Es darf wieder erzählt werden", und in den Jahren danach haben mehrere Autoren bekundet, dass ihnen das Erzählen wichtiger sei als alles andere: "Erzählung, würfle die Lettern frisch, durchwehe die Wortfolgen, füg dich zur Schrift und gib, in deinem besonderem, unser gemeinsames Muster." So feierlich rief Peter Handke 1989 in seinem Roman "Die Wiederholung" die Muse der Erzählung an. Vergleichbare Stellen lassen sich in fast allen Romanen dieses Autors finden und zuweilen hat man gar den Eindruck, Handke verteidige das Erzählen und die Erzählung so wortreich, dass er darüber die Geschichten vergisst, die er uns doch angeblich erzählen wollte.

Wenn aber das Erzählen etwas "Grundmenschliches" ist, wie Vea Kaiser meint - warum muss man sich dann so offensiv dazu bekennen? Warum genügt es dann nicht, drauflos zu erzählen? Die Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand: Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hatte das Erzählen mehrmals einen schweren Stand: Die Erkenntnistheoretiker - siehe Broch - hielten das Erzählen von Einzelfällen nicht mehr für eine taugliche Methode, um die moderne Welt in ihrer Komplexität zu erfassen. Die politisch Engagierten von 1968 vermissten im Erzählen den kritischen Impuls, den sie in der Sozialwissenschaft besser aufgehoben sahen. Der Jahrhundertwenden-Ästhet Paul Valéry schließlich, der selbst Gedichte und Essays schrieb, war der Ansicht, erzählte Literatur sei einfach zu platt für einen verfeinerten Geschmack wie den seinen. In einem viel zitierten Bonmot erklärte er, wenn er in einem Roman lese "Die Marquise verließ das Haus um fünf Uhr" langweile er sich schon. Denn was interessiere es ihn, um wie viel Uhr irgendeine erfundene Dame irgendwohin ginge?

Die "Wurzelbehandlung".

Diese verschiedenartigen Abneigungen gegen das Erzählen standen alle in einem größeren Zusammenhang: Die Kunst-, Musik- und Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts war - in der gesamten westlichen Welt - von einer grundlegenden Neuerungslust geprägt: Die Maler entsagten der ehrwürdigen Zeichenkunst zugunsten der ungegenständlichen Malerei; die Musiker schüttelten die Harmonielehre ab, die über Jahrhunderte hin entwickelt worden war, und erprobten atonale oder zwölftönige Modelle; die Dichter schließlich schrieben Gedichte, die sich nicht mehr reimten, und Prosa, die entweder gar nichts mehr erzählte, oder zumindest nicht mehr in den Mustern, die man aus den großen Romanen des 19. Jahrhunderts gewohnt war.

All das war Teil jener radikalen "Wurzelbehandlung", die der Komponist Adrian Leverkühn vom modernen Künstler verlangte: Nicht mehr herumdoktern an den überlieferten Formen, um sie irgendwie doch noch einmal gegenwartstauglich zu machen, sondern stattdessen mit einem großen Befreiungsschlag Licht und Luft für das Neue schaffen. Allerdings ist dieser revolutionäre Künstler Leverkühn, mit dem es schließlich ein böses Ende nimmt, selbst eine Romanfigur: Sie entstammt dem "Doktor Faustus" von Thomas Mann. Dieser Roman, der die Tragödie des modernen Künstlertums behandelt, ist selbst durchaus erzählt, und das sogar auf recht altmeisterliche Weise. Thomas Mann delegierte die Erzählung an den Gymnasialprofessor Serenus Zeitblom, der nicht so umstürzlerisch denkt wie sein Freund Leverkühn und sich deshalb weiterhin traditioneller Kunstmittel bedienen darf. Theodor W. Adorno, der Stichwortgeber für viele moderne Tendenzen, hat einst formuliert: "Es lässt sich nicht mehr erzählen, während die Form des Romans Erzählung verlangt." Thomas Manns "Doktor Faustus" ist einer von vielen Romanen, die gerade dadurch gelingen, dass sie diese Spannung zum Thema machen.