Chinas Glück ist woanders

(was.-) -Der Autor ist ein sehr erfolgreicher Moderator beim staatlichen chinesischen Fernsehen CCTV. Aus der Warte seiner vielen Beobachtungen und Erlebnisse schildert er die Lage in China. Dort soll das Buch reißenden Absatz gefunden haben, weil Bai Yansong keine Scheu hat, auf viele Probleme einzugehen. Natürlich nur, soweit er darf, der Rest steht zwischen den Zeilen. Bei einem staatlichen Fernsehen zu arbeiten heißt, dass es darüber noch eine Macht gibt, die in das Programm eingreift und beispielsweise am 11. September 2001 einen Tag lang verbietet, über den Anschlag in New York zu berichten. Der Autor prüft mit journalistischen Augen den chinesischen Alltag. Der materielle Aufschwung hat Wünsche erfüllt. "Aber wo liegt das Glück? Sicher ist nur, dass wir uns ständig unglücklich fühlen", schreibt er. Die Korrupten, die Karrieristen und Geldgierigen zerstören die Harmonie im Volk von 1,3 Milliarden Menschen.

Die chinesischen Leser werden aus dem Buch mehr herauslesen als wir im Westen vermögen. Bai Yansong schildert unzählige Einzelheiten, geht auf den Umgang mit der Geschichte und mit Japan ein. Die Detailfreudigkeit kann auf Außenstehende ermüdend wirken.

Sind wir nun glücklich? China auf der Suche nach sich selbst

Bai Yansong. Aus dem Chinesischen von Karin Betz.

Riemann, 478 Seiten, 23,70 Euro

Dinner mit einem Denkmal

(irr) Nie wird er es vergessen: Wie er um drei Uhr Früh mit seinem Interviewpartner Musik hörte und ihn "dieses ekstatische Gefühl erfasste, als ob ich mich hoch in die Lüfte erhob". Ja, Jonathan Cott war gebenedeit unter den Musikjournalisten. Im November 1989 ist ihm das schier Unmögliche geglückt: ein Interview mit Leonard Bernstein, der solche Audienzen eigentlich nicht mehr gab. Zwölf Stunden sprach die Dirigentenlegende dann, ein Jahr vor ihrem Tod. Nun liegt das Interview als Buch vor. Dass es nicht durch kritische Distanz besticht, ist verständlich. Zumal Bernstein ein suggestiver Prediger war. Und Cott ein glühender Fan. "Ich glaube, Sie haben recht", sagt er. Und Bernstein: "Sie wissen, dass ich recht habe." Ganze Passagen wirken wie ein kunstreligiöser Offenbarungsakt, den Cott mit zitierwütigen Beigaben (vom Hinduismus bis zu Bob Dylan) ins Betuliche treibt. Dennoch glückt das plastische Porträt eines Chef-Charismatikers: Lennys Lebenslust springt den Leser ebenso an wie seine maßlose Musikliebe. Und die Schnurren gehen ihm nicht aus: Wer hatte schon eine Ehefrau, die dem stets dick eingepackten Glenn Gould das verschwitzte Haar wusch?

Leonard Bernstein -

Kein Tag ohne Musik

Jonathan Cott

Edition Elke Heidenreich bei

C. Bertelsmann, 161 Seiten,

18,50 Euro