Dem angesehenen deutschen Historiker Manfred Pohl, Biograph des Bankiers Mayer Amschel Rothschild und der Verlegerfamilie DuMont, ist mit seinem jüngsten Werk "Josef Ackermann - Leistung aus Leidenschaft" das kleine Kunststück gelungen, das falsche Buch zur richtigen Zeit zu schreiben. Zur richtigen Zeit, weil Josef "Joe" Ackermann, der wohl umstrittenste Banker Deutschlands, soeben aus dem Amt des Vorstandsvorsitzenden der umstrittensten Bank Deutschlands geschieden ist; weil er den Typus des extrem profitorientierten Financiers repräsentiert wie kaum ein Zweiter; und nicht zuletzt deshalb, weil angesichts der nach wie vor wütenden Finanzkrise natürlich eine kritische Würdigung von Ackermanns Wirken jetzt von erheblichem Interesse wäre.

Eine kritische Würdigung ist dem Historiker Pohl leider ganz und gar nicht gelungen, und deshalb ist es, so sorry, das falsche Buch.  Nicht, dass der Leser nicht gewarnt würde. Fairerweise lautet der Untertitel des von den Verlagen der "FAZ" und der "Neuen Zürcher Zeitung" herausgegebenen Buches "Eine Würdigung".

Aber nicht einmal das ist dem Autor gelungen, der Text liest sich passagenweise eher wie eine Festschrift zum Geburtstag von Kim-Jung-un, abgefasst vom nordkoreanischen Propagandaministerium: "Die zehn Jahre an der Spitze der Deutschen Bank und die Art und Weise, wie die Bank in der bisherigen Krise gehandelt hat, zeugen von einer finanztechnischen und politischen Meisterleistung." Und das, ohne dass der Meisterleister dabei den Boden unter den Füßen verloren hätte: "Aus internen Kreisen ist bekannt, dass die Mitarbeiter von Ackermann begeistert waren, dass er weder arrogant noch überheblich wirkte." Dieses Menscheln kommt wahrscheinlich von einem Zettel, den der knallharte Banker, so erfahren wir bei Pohl, seit seinem zehnten Lebensjahr stets in seiner Geldbörse trägt, geschrieben von Ackermanns Vater: "In Andrer Glück sein eigenes finden/ Ist dieses Lebens Seligkeit -/ und anderen Menschen Wohlfahrt gründen,/ schafft göttliche Zufriedenheit".

Jetzt verstehen wir endlich, was einen wie Ackermann antreibt: in andrer Glück sein eigenes zu finden. Dass damit im Falle Ackermanns in guten Jahren eine Gage von zehn Millionen Euro verbunden war, übergeht Pohl geflissentlich, dass Ackermann mit seiner Forderung nach einer Eigenkapitalverzinsung von 25 Prozent die Deutsche Bank an die Grenze des vernünftigerweise Machbaren und möglicherweise darüber hinaus geführt hatte, erwähnt er wenigstens.

Kritik kommt vor, aber stets als artiges Kompliment an den Vorsitzenden verkleidet: "Ackermann ist der Messi der Bankenwelt, aber auch Messi verschießt gelegentlich einen Elfmeter. Dennoch ist er Weltklasse (...)". Oder an anderer Stelle: "Wer Ackermann kennt und mit ihm öfter zusammen ist, der weiß, dass er ein aufrichtiger und geradliniger Charaktermensch ist, der natürlich in seiner beruflichen Laufbahn Entscheidungen fällen musste, die nicht nur für viele hart, sondern auch unverständlich waren."

Das stimmt freilich wirklich: Dass Ackermann im Rahmen der Bilanzpressekonferenz im Februar 2005 nicht nur stolz einen Milliardengewinn verkündete, sondern im gleichen Atemzug den Abbau von 6400 Arbeitsplätzen ankündigte, war für viele damals tatsächlich nicht verständlich.

Ob Ackermann Pohls Buch mit Vergnügen gelesen hat oder nicht, ist leider nicht bekannt. Da der solcherart Gewürdigte allerdings als ebenso intelligent wie zur Selbstironie fähig bekannt ist, wird es ihm wohl eher peinlich und unerquicklich sein.

Leser bleibt ratlos zurück

Denn indem Pohl Ackermann derart liebdienerisch beschreibt, verliert auch die umfangreiche Beschreibung von dessen tatsächlichen Verdiensten um die Deutsche Bank irgendwie an Glanz und Glaubwürdigkeit. Der real existierende Manager Ackermann hat die Bank ja unter anderem immerhin so weit ertüchtigt, dass sie als eines der wenigen internationalen Top-Institute ohne Staatshilfen durch die Finanzkrise kam. Seine Reputation ist bis heute eine außerordentlich gute; sein Rat ist bei Regierungen in aller Welt gefragt.      Der Leser freilich bleibt eher ratlos zurück. Wie Ackermann wirklich tickt, was ihn an die Spitze des mächtigsten Unternehmens Deutschlands brachte und wie seine Rolle in der globalen Finanzkrise tatsächlich zu bewerten ist - das werden wohl andere Biographen zu klären haben. Auch wenn der richtige Zeitpunkt dann schon vergangen ist.