Wie soll der erste Satz eines Romans beschaffen sein? Die Ansichten darüber sind, wie so oft, geteilt. Die einen meinen, ein guter Roman brauche auch einen starken Eingangssatz, andere hingegen wollen das Potenzial eines Romans gerade an der beiläufigen Unscheinbarkeit erkennen, mit der er beginnt. Und beide Parteien können sich auf zahlreiche Beispiele aus der Literaturgeschichte stützen. An den wunderbar umständlichen Anfang von Musils "Mann ohne Eigenschaften" erinnert sich vermutlich jeder, der ihn gelesen hat. Aber weiß noch jemand, wie Kafkas "Schloss" einsetzt? "Es war spät abends, als K. ankam." Was folgt, ist anerkanntermaßen ein nicht minder großer Roman.

Umso interessanter ist es, welche "Duftmarke" ein hierzulande bisher völlig unbekannter Autor setzt. "Von all meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe." So beginnt der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Gaito Gasdanow (1903-1971), einem russischen Exilautor, der in Paris jahrelang Taxi fuhr, in München für Radio Liberty tätig war und daneben neun Romane und zahlreiche Erzählungen verfasste. Im Original erschien "Das Phantom des Alexander Wolf" 1947, geschrieben hat er den Roman in seiner Zeit in Paris, und warum wir dieses Prachtstück erst jetzt, mehr als sechzig Jahre später, in der großartigen Übersetzung von Rosemarie Tietze zu lesen bekommen, ist nur schwer zu begreifen. Aber die Pfade der Rezeption sind nun einmal verschlungen, und selbst in Russland wurde Gasdanow erst in den 1990er Jahren so richtig entdeckt.

Als "russischen Camus" hat man den 1923 ins Pariser Exil gegangenen Gasdanow gerne bezeichnet, und der wuchtig-existenzialistische Eingangssatz spricht nicht gerade gegen diesen Vergleich. In der Tat entspinnt sich nach diesem Beginn ein "metaphysischer Thriller", ein "Seelenkrimi", der seinen Ausgang im russischen Bürgerkrieg nimmt.

Dort, in den Weiten der Steppe, hat der Ich-Erzähler in Notwehr einen fremden Kämpfer getötet und ist dabei selbst nur knapp dem Tod entronnen. Jahre später - er arbeitet inzwischen als Journalist in Paris - findet er diese Ur-Szene seines Lebens in einer Erzählung exakt geschildert, nur eben aus der Perspektive des damals vermeintlich Getöteten. Er macht sich auf die Suche nach dem Verfasser, einem in London lebenden Russen namens Alexander Wolf, und trifft auf einen Menschen, der auch "lebendig" ein Phantom bleibt, eine Person von großer Gefühlskälte und Unnahbarkeit. "Ich überlegte, dass Wolf - weniger er selbst, vielmehr jeder Gedanke an ihn - für mich unwillkürlich zur Verkörperung all dessen geworden war, was es in meinem Leben an Totem und Traurigem gab." Zu seinem Glück beginnt der Erzähler zeitgleich ein Verhältnis zu einer geheimnisvollen Russin namens Jelena, denn sie zeigt dem existenziellen Grübler, der eine Art "melancholischer Illusionslosigkeit" pflegt, dass man ohne Lebensphilosophie "trotz allem" leben kann, nicht aber ohne physische Sinnlichkeit, denn ohne sie wäre die Menschheit bald verschwunden.

Es wird viel philosophiert in diesem Roman, der im Paris der 1930er Jahre spielt, aber von der äußeren Welt nicht wirklich etwas wissen will (mit Ausnahme eines Boxkampfs, bei dem der Erzähler Jelena kennen lernt). Und über allem steht der "Abbruch des Rhythmus", wie Alexander Wolf den Tod nennt; genau diesen Moment hat der Erzähler in jungen Jahren bereits erlebt, nur eben als (vermeintlich) Tötender: "Liebe, Hass, Bedauern, Reue, freie Wille, Leidenschaft - jedes Gefühl und jeder Gefühlskomplex, alles ist ohnmächtig vor diesem kurzen Machtmoment des Tötens."

Dieser Moment wird am Ende des Buchs noch einmal eine Rolle spielen, doch im Grunde erzählt der Roman von einer Wandlung: von einem "Leben zum Tode" hin zu einem Leben, das dem Tod abgerungen werden muss und über dem als oberstes Prinzip ein Satz von Charles Dickens steht, den ein Gymnasiallehrer dem Erzähler einst mit auf den Weg gab: "Uns wurde das Leben unter der unabdingbaren Voraussetzung geschenkt, dass wir es tapfer verteidigen bis zum letzten Atemzug."

Wer Vergleiche schätzt, wird dieses Werk vielleicht am besten als eine Mischung aus Camus und Leo Perutz charakterisieren, als Existenzialismus mit einem gehörigen Schuss Phantastik. Aber solche Vergleiche braucht Gasdanow nicht (auch den mit Nabokov nicht, bei dem er nur unterliegen kann). Sein brillanter erster Satz ist ein Versprechen, das der Roman voll und ganz einlöst. Und wir hoffen sehr, dass dieser verspätete Erstling erst der Anfang war.