Walter Klier: Die Rast auf dem Gipfel, 2012, Gouache, 50x60 cm.
Walter Klier: Die Rast auf dem Gipfel, 2012, Gouache, 50x60 cm.

Meine erste Kletterstelle hatte den Schwierigkeitsgrad I+, und ich fürchtete mich sehr. Ich war sechs Jahre alt. Ich bestieg mit meiner Mutter, oder besser gesagt meine Mutter bestieg mit mir die Erlspitze über den Normalweg, und dieser Normalweg weist an einer Stelle eine kleine Unterbrechung des Weges auf, da muss man mit den Händen an den Fels. Es sind bloß zwei Meter, aber damals erschien mir das unüberwindlich - und lebensgefährlich. Ich wollte nicht.

Meine Mutter redete mir gut zu. Ich bockte. Meine Mutter redete mir immer weiter gut zu. Ich bockte immer noch. Meine Mutter redete mir ein Loch in den Bauch. Ich weinte. Aber schließlich hatte sie mich überredet, oder ich hatte nachgegeben, jedenfalls saßen wir dann am Gipfel in der Sonne, spähten in die düstere Nordflanke hinunter, über die mein Vater mit einem Bergfreund heraufgestiegen kam, und ich baute ein kleines Steinhaus aus den kleinen Steinen, die auf diesem Gipfel massenhaft herumlagen, vielleicht um gegen die generelle Unbehaustheit, die hier heroben auf den Höhen herrschte, ein wenig anzukommen.

Anregende Touren

Später habe ich mich dann manchmal versucht zu revanchieren, indem ich meine Mutter in brüchiges, saugefährliches und überhaupt sinnloses Gelände lockte, aber sie weinte nie. Sie bockte auch nicht. Sie kletterte stets munter hinter mir, und wenn mir schon die Muffe ging und ich um unser beider Leben zu fürchten anfing, dann lachte sie und sagte, heute hätten wir wieder eine besonders anregende Tour ausgesucht.

Da war zum Beispiel der Hintere Seelenkogel im Ötztaler Hauptkamm, ein Spaziergang von der Zwickauer Hütte, es war noch nicht einmal Mittag, als wir oben saßen, und als der ebenfalls anwesende Tourengruppenführer anfing, seiner Tourengruppe zum zweitenmal das Gesamtpanorama zu erklären, weil er beim erstenmal irgendwie um 90° falsch angefangen hatte, da beschlossen wir, noch einen weiteren Gipfel anzuhängen, den benachbarten Mittleren Seelenkogel. Der zugehörige Gletscher war mit tiefem, weichem Schnee bedeckt, und nahe dem Felsgrat, auf den wir wollten, sackte ich ohne Vorwarnung bis ans Kinn in ein Loch, das unter dem Schnee war. Da gingen wir vorsichtig wieder in der Spur zurück, die wir gekommen waren, und beschlossen, über den unscheinbaren (aber ein weiterer Gipfel, immerhin) Rotmooskogel ins Rotmoosjoch und von dort zur Hütte abzusteigen. Das wäre dann eine schöne Runde.

Der Abstieg vom Rotmooskogel (im Führer stand etwas von unschwierig) entpuppte sich dann als veritables Abenteuer. Es war ein guter Dreier, von auserlesener ötztalerischer Brüchigkeit, und dummerweise hatten wir bloß für alle nicht eintretenden Fälle einen 20-m-Kälberstrick mitgenommen, der nun als richtiges Kletterseil herhalten musste. Wir brauchten drei oder vier Stunden für den läppischen kurzen Grat, dessen Ende man schon dauernd sehen konnte, ebenso wie die Hütte, die friedlich zu unseren Füßen unten in der Sonne lag; immerhin hätten wir ihnen bei Einbruch der Dunkelheit ein alpines Notsignal zusenden können, wenn wir denn daran gedacht hätten, eine Taschenlampe mitzunehmen, nämlich mit auf die Tour. Bis zur Hütte hatten wir sie sehr wohl mitgenommen. Dann aber nicht mehr. Als wir pünktlich zum Abendessen wieder auf der Hütte waren, sagte der Wirt nur, er habe uns die ganze Zeit zugeschaut, und sonst werde diese Tour eigentlich nie gemacht. Warum, wussten wir nun auch.

Als ich daheim die entsprechenden Korrekturen im Führer anbringen wollte, stieß ich in meinen Unterlagen auf den Brief eines früheren Begehers, der mich in ernsten Worten darauf hinwies, beim Rotmooskogel-Ostgrat handle es sich mitnichten um eine unschwierige, vielmehr um eine ernste, anspruchsvolle Gratkletterei. Das steht jetzt auch so im Führer, und dazu steht: "Teils sehr brüchig." Eigentlich auch schade, denn nun wird den Grat überhaupt niemand mehr begehen, und durch häufiges Beklettern würde er ja im Lauf der Zeit etwas von dieser exorbitanten Brüchigkeit verlieren.

Ein wenig leichtfertig sind wir in unserer Familie beim Bergsteigen immer gewesen. Aber im Großen und Ganzen ist es immer gut ausgegangen.

Um 1960 tauchten in Innsbruck die ersten Kletterhelme auf, da sagte Wastl Mariner, der immer noch rüstige Held der 1930er Jahre, verächtlich: "Kemmen jetz die Motorradlfahrer?" Aber die Verweichlichung war nicht aufzuhalten. Als mein Vater mich einige Jahre später zum Klettern mitnahm, besaß die Familie immerhin schon einen Helm. Den hatte mein Vater auf; allerdings überließ er ihn mir leihweise, als er in der bekannt brüchigen Serles-Nordwand im Vorstieg unabsichtlich ganze Steinlawinen ausgelöst hatte.

Gefährliche Berge

Wir hatten auch nur einen Hammer mit, aber immerhin zwei Haken. So konnte ich den jeweils hinteren Haken mit einem der in dieser Wand reichlich vorhandenen losen Felsbrocken wieder herausschlagen und meinem Vater mitbringen, der mich zu seinem Standplatz heraufsicherte und dann im Vorstieg den frei gewordenen Haken wiederum irgendwo im Fels sinnvoll zu platzieren versuchte. Das allgemeine Sicherheitsbedürfnis war noch nicht so allumfassend geworden, und man ging in die Berge, weil und nicht obwohl es gefährlich war.