Ein mächtiges Debüt, eigensinnig einer widerborstigen Umwelt abgerungen, mit dem ein bereits ganz ausgebildetes Talent nach Jahren des Wartens die literarische Bühne betrat: Das war 1990, inmitten der Wirren der deutschen Wiedervereinigung. Das in der DDR erschienene Buch ging sang- und klanglos unter.

Sein Autor ist Reinhard Jirgl, einer der größten lebenden Erzähler deutscher Sprache. Der Büchner-Preis 2010 sorgte für ein wenig ausgleichende Gerechtigkeit. Nun ist sein Erstling "Mutter Vater Roman" wieder erhältlich: eine Textcollage und eine Art Dialog zwischen der schwangeren Margarete und W., Flüchtling und Deserteur, der aus dem Krieg heimkehrt. Beide Personen stellen Ansprüche an ihre Zukunft in dem sich formierenden sozialistischen Staat und im Umgang mit ihren Erlebnissen im Faschismus und neuen Sozialismus. In einer Mischung aus Arno Schmidt und Grazer Experimentalroman entsteht ein faszinierendes, sprachmächtiges Buch, das sich im Denken und in der Vorstellungskraft der Leser festsetzt.