"Es war einmal ein Buch, das hatte zwei Rücken: den einen da, wo ihn alle Bücher haben, und den anderen dort, wo man sonst ein Buch aufschlägt. Man konnte also nicht in ihm lesen, aber das war vielleicht auch gar nicht nötig, denn obwohl auch kein Titel auf dem Buch stand, wusste doch jeder, der es in die Hand nahm, sofort, dass es eine Liebesgeschichte war. . ." - Alle Märchen beginnen mit "Es war einmal". Auch die aus der Feder des Salzburger Verlegers Jochen Jung. Sinnig, launig, rätselhaft sind sie, verpackt im Band "Der dunkelblaue Schuhkarton" (Haymon, 2010).

Ein Leben für die Literatur: Jochen Jung. - © Eva-Maria Repolusk
Ein Leben für die Literatur: Jochen Jung. - © Eva-Maria Repolusk

Ja, es war einmal ein Buch, und dann noch eines und so unendlich viele mehr: Für Jochen Jung werden sie zur Liebesgeschichte, zur Berufung, zum Beruf. All die Abenteurer, Rebellen, Nonkonformisten, die sublimen Welt- und Zeitwahrnehmer, Sprachskeptiker und Wortartisten, die absoluten und konkreten Poeten: er studiert, rezensiert und lektoriert sie - und verlegt sie schließlich selbst.

Weite Horizonte

Am 5. Jänner 1942 in Frankfurt am Main geboren, wuchs Jochen Jung bei den Großeltern in Eckernförde an der Ostsee auf. Das Meer, die weite Küstenlandschaft prägten ihn tief. Auch das Märchen vom armen Fischer, der einen mysteriösen Butt an Land zieht, wieder ins Meer entlässt und auf Drängen seiner Frau einen unseligen Retterlohn-Handel treibt. Dieser Stoff hat Maler, Komponisten und Schriftsteller inspiriert, und hinterließ auch in Jungs eigenem literarischen Schaffen eine Spur: im Buch "Wolkenherz", einer elegant-ironischen Fabel über des Meeres und der Liebe Wellen (2012, ebenfalls erschienen im Innsbrucker Verlag Haymon).

Ursprünglich sollte die Ostsee in seinem Leben freilich eine recht prosaische Rolle spielen, erzählt der Verleger, als ich ihn in einem Wiener Café treffe, fernab allen Buchmarktgetriebes: Nicht Butte zu retten, ward er ausersehen, sondern möglichst viele davon zu verkaufen. Und zwar im Fischgroßhandel des Großvaters, dessen Nachfolge er antreten sollte. Doch daraus wurde nichts. Zu stark war die Magie der Bücher - und der Kunst, wo ein Name alle anderen überstrahlt: Ruisdael, der Altmeister weiter Horizonte und fantastischer Wolkengebirge - all dieser Schönheit "mit dem Himmel als Hauptdarsteller".

Jochen Jung studierte Germanistik und Kunstgeschichte in München, Tübingen, Zürich, Berlin - und wieder in München, wo er über den Autor Wilhelm Lehmann dissertierte. "Paris und Rom waren dann so eine Art Kavalierstour, jeweils drei Monate - wunderbar". Ein Funkeln im Blick. Ja, sie sprachen zu ihm, die Steine, die Straßen, der Genius. Erhabenes und Banales verschmolzen zu einem Ganzen. "Man sieht immer Bilder", meint der Verleger, angesprochen auf seine römischen Foto-Elegien in Schwarz-Weiß. Diese waren vor zwei Jahren in der Salzburger Galerie Pap zu sehen.

Nach dem Studium öffnete sich für Jung ein erstes Tor in die Verlagswelt. Es führte nach Gräfeling bei München, in das Haus Moor. Es folgten intensive Lehrjahre und dann, 1975, der Ruf aus Salzburg: Wolfgang Schaffler, Gründer des Residenz-Verlages, holte Jochen Jung als Cheflektor an Bord. Der prägte fortan das Profil des Hauses, etablierte Residenz als Heimstatt zeitgenössischer österreichischer Literatur - und entdeckte viele Talente: Arnold Stadler, Péter Esterházy, Erwin Einzinger, Inge Merkel, Franz Innerhofer oder Gernot Wolfgruber, um nur einige zu nennen.

Zudem gab Jung zahlreiche Anthologien heraus, u.a. "Glückliches Österreich", "Über das Glück" oder "Die großen Österreicher" (alle Residenz). Und warum diese Beschwörung des Glücks? Weil, davon ist Jung überzeugt, "man im Leben immer auch Glück braucht, um ans Ziel zu kommen".

1983 wurde Residenz an den Österreichischen Bundesverlag verkauft. Jung folgte Schaffler als Geschäftsführer nach und betrieb die internationale Ausweitung des Programms. Der neue Eigentümer goutierte die Öffnung nicht. Und so gründete Jochen Jung im Jahr 2000 seinen eigenen Verlag, Jung und Jung.

Das erste Programm lag im Frühjahr 2001 vor. Für das unverwechselbare Erscheinungsbild der Bücher sorgte, wie zuvor bei Residenz, der heuer verstorbene Graphiker Walter Pichler. Auch zahlreiche Residenz-Autoren waren dem "Jungverleger" gefolgt: Peter Handke, Gert Jonke, Günter Brus, Inge Merkel, Julian Schutting u.v.a. mehr. Auch Ursula Krechel, deren Roman "Landgericht" heuer den "Deutschen Buchpreis" erhielt (siehe Kasten). Schon einmal, 2010, hatte der Verlag Jung und Jung den wichtigsten deutschen Literaturpreis eingefahren, mit Melinda Nadj Abonjis Roman "Tauben fliegen auf". Dieses Doppel-Kunststück war bisher nur Suhrkamp geglückt.

Jungs Hauptaugenmerk liegt auf der deutschsprachigen, insbesondere der österreichischen Gegenwartsliteratur. Doch seine Programme umfassen stets auch internationale Autoren. Die Palette reicht von Klassikern wie Melville oder Elias Lönnrot (dem Verfasser des finnischen Nationalepos "Kalewala") bis zu Zeitgenossen wie dem (Exil-)Syrer Adonis, dem Griechen Dimitri T. Analis oder dem Dänen Peer Hultberg. Dazu kommen noch Werke über Kunst, Architektur und Musik.