Bereits beim ersten Blick in dieses Buch blüht die Ahnung auf: hier ist nichts normal. Des Verfassers Name klingt wie ein zackig komponierter nom de plume, und schon auf den ersten Seiten beginnen sich kuriose chronische Krankheiten breitzumachen - eine Tendenz, die uns bis ans Romanende nicht mehr verlassen wird. Nach den Anfangskapiteln schließlich stellt sich die Gewissheit ein: hier sind alle krank, und das ist normal.

Ärzte und Patienten, Therapeuten und Klienten, Menschen und Tiere: sie alle leiden, physisch, psychisch, psychosomatisch etc., leiden heißt leben, die condition humaine ist untherapierbar. In diesem Buch wimmelt es von behinderten Kreaturen und verstörten Existenzen; sie ziehen einander an, unwiderstehlich.

So vorzüglich wie aufdringlich leidet Arthur E. Singram, euphemistisch gesagt ein Berliner "von kleiner, drahtiger Statur", tatsächlich ein "leptosomer Zwerg", der laut Diagnose von Notärztin Dr. Beatrice Margoti aussieht "wie der noch aufgeschobene Tod". Herauszufinden, ob Singram eben deshalb oder eher trotzdem Tierheilpraktiker und Schriftsteller dazu geworden ist, wäre eine hübsche Aufgabe für einen heiteren, also außenstehenden Zwergheiler; denn alle Therapeuten, die im Buche auftreten, sind leider traurige.

Woran aber leidet der Tierleidheiler? An allem, was nicht animalisch ist. Die Ursache seiner Panphobie ist die Angst vor "überflüssiger Kommunikation" mit der Menschennatur. Doch auch dagegen gibt’s glücklicherweise Therapien. Also ist Arthur E. Singram in einem Schweizer Sanatorium gelandet, wo man der Methode vertraut: "Phobien vergessen durch Arbeit der Erinnerung" - und erinnert sich . . . Planmäßig durcheinander. Zum Beispiel an fremde kranke Tiere (kahle Katze mit Höhenangst, Ameisenbär mit verbrannter Zunge), an seine eigenen Haustiere (Elephanten-Schildkröte Melmoth, blinder doch sprechender Ara namens Georg Henrik von Wright), an seinen Opa Edward (Jäger, Ethologe, Zoologe), an die erotische Dr. Margoti, an seinen alten Freund Passow (Erfinder, Laienprediger, Devotionalienhändler in Wien).

Kritischer Befund: Ingomar von Kieseritzky verfügt über gut entwickelte handwerkliche Fähigkeiten (Satzaufbau, Wortschatz, Grammatik) und besitzt ein solides humanistisches Basiswissen. Allerdings leidet der Autor an dem von Prof. Schäkspear entdeckten sogenannten Zettel-Syndrom ("Lasst mich den Löwen auch spielen"), was dem Roman ein hypertrophes Aussehen gibt. Der Patient will unbedingt zeigen, was alles er kann und auf wie extravagante Manier er mit Stoff wie Stil umzugehen weiß, dergestalt, dass er sich in einem Wust von komischen Episoden, bizarren Anekdoten, ironischen Dialogen, witzigen Maximen, sarkastischen Zitaten, nekrophilen Binsenweisheitssprüchen verzettelt, dabei nahezu alle Spielarten des literarischen Amüsements mit bramarbasierender Beiläufigkeit durchstreifend und eitel protzende Halbbildung zur Schau stellend.

Statt auf einen grünen Kunstzweig zu gelangen, gerät der weitschweifige Erzähler in eine fatale, sich selbst bespiegelnde l’esprit pour l’esprit-Lage. Die Dosis nämlich ist, wie Paracelsus sagt, entscheidend - auch beim Champagner: ein Glas belebt, ein Kübel betäubt.