Die Bibel legitimiert Homosexualität, meint Christine Hubka, und da sie immerhin evangelische Pfarrerin im Ruhestand ist, sollte sie wissen, wovon sie schreibt in ihrem eben verkaufsfördernd in der Vorweihnachtszeit erschienenen Buch "Jesus hatte vier Brüder - Was wirklich in der Bibel steht". Sie exemplifiziert das anhand von David und Jonathan aus dem ersten Buch Samuel. Doch in Wirklichkeit stellt Hubka damit nur unter Beweis: Sie kann nicht lesen, zumindest keine alten Texte.

"Leider nein", meint die evangelische Pastorin Christine Hubka zur unsterblichen Seele und widerspricht damit nicht nur Jean-Léon Gérômes Bild einer Seele, die von einem Engel emporgetragen wird. - © Bild: wikipedia
"Leider nein", meint die evangelische Pastorin Christine Hubka zur unsterblichen Seele und widerspricht damit nicht nur Jean-Léon Gérômes Bild einer Seele, die von einem Engel emporgetragen wird. - © Bild: wikipedia

Schnell zwecks Überprüfung der Sachlage in der Bibel nachgeschaut, welche Regeln Gott im dritten Buch Mose für das Volk Israel - und damit auch für David und Jonathan - aufstellt: "Und du sollst nicht bei einer männlichen Person ebenso liegen, wie du bei einer Frau liegst. Es ist eine Abscheulichkeit."

Hubka wird hier zum Opfer einer übersexualisierten Gesellschaft, in der Homosexualität bisweilen als etwas nahezu Bewunderungswürdiges gilt. Das mag jeder für sich halten, wie er will - nur: Mit der Bibel ist das Lob der Homosexualität nicht zu singen. In der Episode von David und Jonathan geht es um Seelenverwandtschaft, nicht um Sexualität. Denn wenn es sich um diese dreht, wird die Bibel ganz deutlich. Über David und Bathseba etwa heißt es im zweiten Buch Samuel: "Auch kam er zu ihr herein und lag bei ihr."

"Blutwurstessen ist verboten" übertitelt Hubka ein anderes Kapitel, das im Grund nur zu einem Seitenhieb auf die Zeugen Jehovas dient, die kein Blut zu sich nehmen und deshalb konsequent Bluttransfusionen verweigern. Hubka also hat praktizierende Zeugen entdeckt, die, igitt, Blutwurst essen und rätselt, ob Zeugen Jehovas ihr Steak nur durchgebraten genießen. Ein Anruf bei der Glaubensgemeinschaft hätte ihr die Erkenntnis gebracht, dass der Genuss von Blut als Bestandteil von Fleisch eine individuelle Gewissensentscheidung ist.

Andererseits predigt Hubka eine grundlegende Lehre der Zeugen Jehovas (da schreibt sie’s aber nicht dazu), denn: "Die Seele stirbt" und "die Bibel weiß: Wer stirbt, ist tot. Mausetot. Nichts überlebt." In der Schrift "Was lehrt die Bibel wirklich?" der Zeugen Jehovas heißt es weniger überdramatisiert: "Wenn der Mensch stirbt, hört er auf zu existieren. Tod ist das Gegenteil von Leben. Wir haben keine unsterbliche Seele und keinen unsterblichen Geist." Inhaltlichen Unterschied bemerkt? - Ich auch nicht. Und ich frage mich nun, ob ein Blutwurst essender Zeuge Jehovas schlimmer ist oder eine evangelische Pastorin, die nicht an die Seele glaubt und eine Auferstehung prophezeit, bei der ein Teil der auferweckten Toten in ein Haus zieht, in dem Jesus "Hausmeister und Zimmermädchen" ist. Launiges Geplauder verkauft sich halt besser als Bibelforschung.

Genauer berichtet Christine Hubka über Widersprüche in den Evangelien bei der Beschreibung von Jesu Tod: Jesus stirbt armselig bei Markus und Matthäus, souverän bei Lukas und triumphal bei Johannes. Dass eine Geistliche das Johannes-Evangelium ironisiert ("hoheitsvoll neigt er das Haupt und stirbt"), berührt dabei seltsam. Und überhaupt: Während des stundenlangen Sterbens am Marterholz hat es mit Sicherheit mehrere Phasen des Todeskampfes gegeben, jeder Evangelist hat davon wohl aufgezeichnet, was seiner eigenen Sicht am nächsten kam.

Der Name Gottes


Eine Regel des Umgangs mit der Bibel erwähnt Hubka kurz ohne Kommentar: dass der Name Gottes nicht ausgesprochen werden soll. Just davon schreibt die Bibel allerdings nichts, es sei denn, man überliest das Wort "missbräuchlich" beziehungsweise seine Synonyme. Dementsprechend ist der Urtext speziell des Alten Testaments der Bibel gespickt mit dem Heiligen Tetragramm JHWH (das als Jahwe und Jehova gelesen wird) - und das steht nun, zum Unterschied von so manchem, was Hubka meint, wirklich in der Bibel, wenngleich die meisten Ausgaben das Tetragramm in der Regel unterschlagen.

Womit insgesamt ein Sammelsurium aus Ungereimtheiten, willkürlichen Interpretationen und allzu naivem Wörtlichnehmen bleibt, dessen einziger positiver Effekt es ist, dass sich der Leser vielleicht doch für eine (nochmalige) - genaue - Lektüre der Bibel selbst begeistern kann.