Zwei Lebenssituationen junger Frauen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, obwohl die beiden demselben Kulturkreis angehören und in derselben Stadt leben: Tinka arbeitet in einem Antiquitätengeschäft, verbringt ihre Freizeit mit künstlerischer Fotografie und weiß nicht, für welchen Mann sie sich entscheiden soll: für den Komponisten Konstantin, der die Musik hasst und seiner Kunst dennoch so verfallen ist, dass er kaum andere Interessen aufbringen kann; oder für den sportlichen, zurückhaltenden, ein wenig biederen Kai, in den sie sich bei einer Bergwanderung verliebt.

Paula wiederum ist Mutter eines 15 Monate alten Sohnes namens Kolo und den ganzen Tag vollauf damit beschäftigt, auf ihn aufzupassen, Windeln zu wechseln, ihn zu füttern, zu baden und ihn zu trösten, wenn er weint. Beziehungsmäßig schaut es in ihrem Leben in dieser Phase schlecht aus, denn vom Vater des Kindes hat sie sich getrennt und auf dem Spielplatz trifft sie kaum Männer, die noch ungebunden sind. Ihr Alltag als alleinerziehende Mutter nimmt Paula dermaßen in Anspruch, dass nicht einmal Zeit für Hobbys bleibt. Ein paar wertvolle Stunden für sich allein kann die junge Frau höchstens genießen, wenn Olga, eine gebürtige Ukrainerin, auf Kolo aufpasst.

Diese philosophisch angehauchte und lebenserfahrene Olga ist eine Schlüsselfigur in diesem Roman. Sie stellt die Verbindung her zwischen den Schicksalen von Tinka und Paula, denn sie spielt im Leben von beiden Frauen eine Rolle. Für Paula ist sie die einzige Gesprächspartnerin, mit der diese mehr besprechen kann als nur Babygeschichten oder Alltäglichkeiten. Tinka wiederum lernt die umtriebige Olga auf einer Geschäftsreise kennen.

Aber es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Paula und Tinka: Beide Frauen fühlen sich nicht wirklich glücklich in ihrer jeweiligen Situation, ihr Leben stagniert, obwohl sie sich eigentlich mittendrin befinden, und beide sind unschlüssig, in welche Richtung es weitergehen soll. Tinka, die sich mit Kai schließlich auf eine Reise nach Vietnam begibt, ist nicht sicher, die richtige Wahl getroffen zu haben: "Auf dem Foto mit dem Selbstauslöser, auf das Kai bestand, sahen Kai und Tinka aus wie zwei Fremde, mit unverbindlichem Lächeln, aber einem nervösen Glanz auf den Wangen."

Und Paula sehnt sich nach ihrem Beruf, nach Abwechslung und nach einem Partner, aber: "Leider gab die Biologie keine hinreichende Grundlage für ein Menschenleben ab mit seinem Begehren, seiner Gier und Selbstbezogenheit, schon gar nicht für die Verbindung von zwei verschiedenen Programmierungen, ihrem Überschuss an Erwartungen und ihrem Mangel an Geduld."

Kirstin Breitenfellner beschreibt die weiblichen Lebensentwürfe, die Hoffnungen und Enttäuschungen sprachlich gewandt und mit großer Empathie. Sie zeigt die Frauen überzeugend in Entscheidungssituationen, aber auch in stillen, unspektakulären Momenten.

Zwei Lebensströme, die aufeinander zulaufen - oder voneinander wegdriften? Lange bleiben die Leserinnen im Unklaren, was die beiden Hauptfiguren miteinander zu tun haben. Wie sich herausstellt, eine ganze Menge. Doch das sei hier nicht verraten, zumal es zur ausgeklügelten Dramaturgie des Buches gehört. Und es sich lohnt, selber dahinter zu kommen.