"In der Armseligkeit der Geburt Jesu zeichnet sich das Große ab, in dem sich geheimnisvoll die Rettung der Menschen vollzieht." Naturgemäß betrachtet Joseph Ratzinger, seit 2005 Papst Benedikt XVI., das Weihnachtsgeschehen aus der Perspektive eines tiefgläubigen Christen mit umfassender theologischer Bildung. Er stellt sein drittes und letztes Jesus-Buch, das der Kindheit Jesu gewidmet ist, als "eine Art kleiner Eingangshalle" zu den beiden früher erschienenen Bänden über den Mann aus Nazareth vor.

Für Ratzinger weisen die Umstände der Geburt, des Lebens und des Todes Jesu auf eine "Umkehrung der Werte" hin: "Von Geburt an gehört er nicht dem Bereich dessen zu, was weltlich wichtig und mächtig ist. Aber gerade dieser Unwichtige und Ohnmächtige erweist sich als der wahrhaft Mächtige, als der, auf den letztlich alles ankommt."

Mit Bezug auf Augustinus hebt Ratzinger die Bedeutung der Krippe als Ort hervor, an dem Tiere Futter finden: "Nun aber liegt in der Krippe der, der sich selbst als das wahre, vom Himmel gekommene Brot bezeichnet hat - als die wahre Nahrung, deren der Mensch für sein Menschsein bedarf. Es ist die Nahrung, die dem Menschen das eigentliche, das ewige Leben schenkt."

Was Christen glauben dürfen

Seine Jesus-Bücher sind Glaubenszeugnisse des Menschen Joseph Ratzinger, keine Äußerungen des päpstlichen Lehramtes. Sie betonen nicht, was Christen glauben müssen, sondern wollen ihnen positiv vermitteln, was sie glauben dürfen. Im neuen Buch geht es dabei um das biblische Geschehen von der Ankündigung der Geburt Johannes des Täufers bis zum zwölfjährigen Jesus, der im Tempel von Jerusalem die Gelehrten seiner Zeit durch seine Klugheit verblüfft. Ratzinger mutmaßt, dass dem Evangelisten Lukas die Mutter Jesu, Maria, als wesentliche Quelle gedient hat, dass aber nichts veröffentlicht wurde, solange sie am Leben war.

In behutsamer und schlichter Sprache legt Ratzinger die Evangelientexte aus, erklärt die Zusammenhänge mit anderen Schriftstellen, argumentiert gegen verbreitete Kritik und Einwände und lässt wenig Zweifel daran, dass er - im Gegensatz zu einer Reihe moderner Theologen - die biblischen Erzählungen über die Kindheit Jesu nicht als "Geschichten", sondern als wirklich geschehene Geschichte auffasst.

Dabei ist ihm klar, dass der Mönch Dionysius Exiguus im 6. Jahrhundert den Beginn der christlichen Zeitrechnung falsch errechnet hat. Die Geburt Jesu muss bereits unter König Herodes, der im Jahr 4 vor Christus starb, erfolgt sein. Die vom Wiener Astronomen Konradin Ferrari d’Occhieppo als "Stern von Bethlehem" gedeutete Konjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild Fische, auf die Ratzinger Bezug nimmt, trat in den Jahren 7 bis 6 vor Christus ein, was zeitmäßig dazu passen würde.

Was Nichtchristen, aber auch skeptischen Kirchenangehörigen Schwierigkeiten bereitet, nämlich die Frage, ob Jesus durch eine Jungfrauengeburt zur Welt gekommen ist, ist für Ratzinger kein Problem: "Die Antwort lautet ohne Einschränkung: Ja. Karl Barth hat darauf aufmerksam gemacht, dass es in der Geschichte Jesu zwei Punkte gibt, an denen Gottes Wirken unmittelbar in die materielle Welt eingreift: die Geburt aus der Jungfrau und die Auferstehung aus dem Grab, in dem Jesus nicht geblieben und nicht verwest ist. Diese beiden Punkte sind ein Skandal für den modernen Geist. Gott darf in Ideen und Gedanken wirken, im Geistigen - aber nicht in der Materie. Das stört. Da gehört er nicht hin. Aber gerade darum geht es: dass Gott Gott ist und sich nicht nur in Ideen bewegt. Insofern geht es bei beiden Punkten um das Gottsein Gottes selbst. Es geht um die Frage: Gehört ihm auch die Materie?"

Joseph Ratzingers Antwort ist klar: "Wenn Gott nicht Macht über die Materie hat, dann ist er eben nicht Gott. Aber er hat diese Macht, und er hat mit Empfängnis und Auferstehung Jesu Christi eine neue Schöpfung eröffnet."