". . . da sah ich vor dem Hotel Astoria ein Auto stehen, wie ich noch nie eines gesehen hatte. Es war länger als die anderen und war rot, das Verdeck war nach hinten geklappt, die Windschutzscheibe hatte einen Rahmen aus glänzendem Stahl und bog sich ohne Zwischenverstrebung um die Ecken herum zu den Türen; nur zwei Sitze hatte es, die waren aus weißem Leder. Der Kühlergrill sah aus wie ein Haifischgebiss. Die winzigen Schrammen im Chrom funkelten wie Edelsteine . . ." Und in der Art geht’s noch zwanzig Druckzeilen weiter. (Auf Seite 65 heißt es, leider folgenlos: "etwas weniger hätte es auch getan".)

Täuschung und Betrug


Die aus- und abschweifende Biographie der schelmischen Kunstfigur beginnt 1949 in Budapest mit der Geburt des András Fülöp. Als Sohn einer ungarndeutschen Diplomatentochter wächst er unter der Obhut der Großmutter heran; noch nicht ganz vier Jahre alt, entscheidet sich des Knaben Schicksal radikal: vier Nächte und fünf Tage muss er ganz allein in der Wohnung verbringen, und in der Zeit wird er für sein weiteres Leben gleichsam existenziell programmiert. András begegnet hinfort der Welt mit freundlicher Naivität; nicht wissend, ob es Gut und Böse gibt, perfektioniert er im Lauf der Zeit seine natürliche Anlage zum Lügen und Manipulieren.

1956 flüchtet die Familie Fülöp nach Wien, später gelangt András u.a. nach Oostende, nach Vorarlberg, in die Schweiz, nach Mexiko, in die DDR, gerät in verschiedene abenteuerliche oder kriminelle Situationen, nimmt verschiedene Identitäten und Namen an, u.a eben Joel Spazierer; er stiehlt, er betrügt, er mordet, empfindet danach aber weder Schuld nach Reue. "Ich habe nie an mir selbst gezweifelt", bekennt er in einer (ehrlichen oder verlogenen?) Autoanalyse, "ich hielt es für ein Menschenrecht, alles tun zu dürfen, um nicht durchschaut zu werden". Wie immer er die Welt getäuscht und betrogen hat, er hat’s ohne moralische Hemmungen und Gewissensbisse getan. Das Motiv: "Ich wollte nur sein."

Das Sein aber bestimmt bekanntlich das Bewusstsein, auch das eines Schelms. Deshalb weiß András/Joel jetzt, da er sechzig ist und Resümee zieht über alles, was er erlebt hat, dass das alte Sprichwort Unrecht hat: Lügen haben nämlich lange Beine; und durch eine Welt, die so verkommen und verdorben ist wie die unsrige, kommt man am besten mit trügerischen Mitteln.

Des Rezensenten Resümee: Der Roman beweist aufs Neue, dass Michael Köhlmeier die Schule der geläufigen Erzählkunst erfolgreich absolviert hat. Zwischen den zahlreichen Beweisstücken muss man sich allerdings fragen, ob nicht der Autor eigentlich - vielleicht in schelmischer Absicht? - vor allem als vorbildlicher Imitator eines wirklich großen Romanciers erscheinen will.