"Verhaltenslehren der Kälte": So heißt eine 1994 erschienene Studie von Helmut Lethen. Darin beschreibt der Literaturwissenschafter, der heute als Direktor des "Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften" (IFK) in Wien tätig ist, das demonstrativ kalte Auftreten vieler Autoren der "neuen Sachlichkeit".

Helmut Lethen. - © Foto: Robert Bressani
Helmut Lethen. - © Foto: Robert Bressani

Eine der vielen interessanten Einsichten dieses Buchs ist die Entdeckung einer Lieblingslektüre der damaligen Zeit: das "Handorakel" des Balthazar Gracián aus dem Jahr 1647, das von Arthur Schopenhauer ins Deutsche übersetzt worden ist. Der spanische Jesuit formulierte hier 300 kurz gefasste Regeln der "Weltklugheit", und sowohl Graciáns Knappheit als auch sein illusionsloser Blick gefielen den Kältespezialisten des frühen 20.Jahrhunderts.

Die Regel Nr. 289 etwa - "nichts setzt den Menschen mehr herab, als wenn er sehen lässt, dass er ein Mensch sei" - musste naturgemäß Bertolt Brecht gefallen, in dessen "Lesebuch für Städtebewohner" die Mahnung steht: "Zeige, o zeige dein Gesicht nicht/ Sondern /Verwisch die Spuren!" Lethen zitierte diese Zeilen in seinen "Verhaltenslehren der Kälte".

Nun hat Helmut Lethen einen Text veröffentlicht, dessen Titel, "Suche nach dem Handorakel", an die früheren Forschungen des Verfassers anknüpft. Allerdings geht es hier nicht vorrangig um Germanistik. Stattdessen lässt der 1939 geborene Professor - ungeachtet der Warnung Graciáns! - "sehen, dass er ein Mensch sei", d.h. er zeichnet in autobiographischer Prosa seinen Werdegang nach. Dabei wählt er einen typischen Intellektuellen-Zugang zur eigenen Lebensgeschichte und stellt all jene Bücher und Filme vor, die ihm in unterschiedlichen Phasen seines Lebens als "Handorakel" gedient haben.

Erfreulicherweise gesteht der Literaturwissenschafter dabei eine Wahrheit ein, die andere Vertreter seiner Zunft gerne verschweigen: Auch wenn Lethens Lektüren stark theoriehaltig waren (Benjamin, Mitscherlich, Adorno etc.), hat er in diesen Büchern doch dasselbe gesucht, was schlichtere Gemüter in Romanen oder Ratgeber-Büchern finden: Hilfe, Trost und Rat für den eigenen, zuweilen recht unübersichtlichen Lebensweg.

Dieser subjektive Faktor beim Lesen (und Leben) wurde von den marxistisch inspirierten Denkern meist geringschätzig behandelt. Auch Lethen gehörte in jüngeren Jahren zu den Marxisten, aber im Rückblick seines Alters kommt der persönliche Anteil am Lese- und Denkprozess nun in aller Deutlichkeit zum Vorschein.