Trotz aller Vorzüge von "Krabat" ist Preußlers wahrscheinlich bestes Buch eines seiner am wenigsten bekannten: "Die Flucht nach Ägypten: Königlich böhmischer Teil" ist ein literarisches Meisterwerk der Sonderklasse. Da muss die Heilige Familie vor den Schergen des Herodes von Bethlehem nach Ägypten fliehen - ganz so, wie es in der Bibel steht.

Was der Evangelist Matthäus allerdings nicht berichtet hat und was Preußler hinzufügt, ist der kleine Abstecher über das Böhmen zur Zeit der k.u.k. Monarchie. Zu den Strapazen des Weges kommt erschwerend hinzu, dass Herodes längst seinen Herrscher-Kollegen Franz Josef I. telegrafisch um Amtshilfe bei der Verhaftung der missliebigen Personen gebeten hat. Weil Himmel und Hölle auch noch mitmischen, sind die absurdesten Verstrickungen vorprogrammiert. Manchmal scheint es fast, als habe Franz Kafka den Auftrag übernommen, die Details der bei Matthäus nur erwähnten Reise zu schildern.

Das alles erzählt Preußler in einem leicht böhmakelnden Kanzleistil, der die Geschichte einerseits ironisch bricht, andererseits selbst wiederum dermaßen gekünstelt einherkommt, dass er sich sozusagen selbst ironisiert. Für Kinder und Jugendliche ist dieses Buch freilich nicht geschrieben - und für flüchtige Erwachsene auch nicht: Die stilistischen Finessen wollen nun einmal ausgekostet sein. Und der Gedanke, dass der Mensch seine Rettung im Grunde der Schwerfälligkeit der Bürokratie verdankt (sollte sie am Ende gottgewollt sein?), keimt wohl nur in einem Leser auf, der mit ihr schon ausreichend zu schaffen hatte.

Erbteil der Vorfahren

Dass Preußler über einen schier unüberschaubaren Fundus an Geschichten verfügt - auch das verdankt er seiner Herkunft. Vieles ist Erzählgut der Sudetendeutschen und der Sorben: Deren Sagen, Märchen, Schwänke fließen in die Geschichten ein. Viele von ihnen kennt Preußler seit seiner Jugend: Er ist in einer zu seiner Zeit schon verblassenden, heute längst völlig versunkenen Erzähltradition aufgewachsen, hat von seiner Großmutter die Geschichten gehört und von seinem Vater, der sich mit Heimatkunde befasst und die Sagen des böhmischen Teils des Isergebirges zusammengetragen hat.

Wenn Preußler schließlich selbst Sammlungen von Sagen herausgibt, dann sind seine Nacherzählungen im Tonfall authentischer als die der meisten anderen Sagenbücher. Mitunter glaubt man, die Stimmen der Erzähler sogar akustisch zu vernehmen, dermaßen suggestiv ist Preußlers Prosa - als hätte er eine Möglichkeit entdeckt, durch die Wortwahl den Tonfall eines bestimmten Erzählers zu suggerieren.

Otfried Preußler war ein Autor, der Kinder- und Jugendliteratur intendierte und unversehens Literatur für Menschen egal welchen Alters schrieb. Man sollte ihn ehren - ganz einfach, indem man ihn liest.