Bis heute ist an der Fassade eines Hauses mit der Aufschrift "Alte Schmiede" in der Wiener Innenstadt ein schmiedeeiserner Schlüssel zu sehen. Der Name betont die lange Tradition dieser Stätte, die heute zugleich musealer Ort und Treffpunkt für zeitgenössische Kulturschaffende ist.

Die Werkstätte wurde um 1880 im Gewölbe des Hauses Schönlaterngasse 9 von einem Schmiedemeister namens Schmirler eingerichtet. Dessen Sohn, der Kunstschmied Otto Schmirler, ließ in den Räumen des Hauses bis 1970 seinen Hammer erklingen.

Pulsierende Literaturszene

Seit dem Jahr 1969 gibt es den Kunstverein Wien, welcher kreative Geister fördert und darüber hinaus eine wichtige Institution der Kulturkommunikation ist. Als Otto Schmirler seine Werkstätte sowie weitere Teile des Hauses verkaufte, entschloss sich der Verein, dem Ambiente seine Aura von anno dazumal zu erhalten. Einigermaßen zumindest. Seither kann man dort literarische und musikalische Veranstaltungen besuchen, die zum Teil in der alten Schmiedewerkstatt stattfinden. Die Werkstätte ist zudem (auch für literarische und musikalische Muffel) als Museum zugänglich.

Moderne österreichische Literatur, davor eine alte Prägemaschine. - © Matthias Bernold
Moderne österreichische Literatur, davor eine alte Prägemaschine. - © Matthias Bernold

Indes verleihen die zahlreichen kulturellen Events der Alten Schmiede erst so recht ihr charmantes, von vielen eingefleischten Fans geschätztes Gepräge. Übrigens kann sie nach wie vor auch von Kunstschmieden genützt werden.

Im Jahr 2008 wurde in der Alten Schmiede ein besonderer Leseraum eröffnet, der den Namen "Galerie der Literaturzeitschriften" erhielt. Der Raum ist frei zugänglich und gibt Zeugnis von der Reichhaltigkeit des literarischen Schaffens in Österreich. Von "99 – Die Zeitschrift des NeuenForumsLiteratur" bis hin zur "Zwischenwelt", einer Zeitschrift zu "Literatur/Widerstand/Exil" reihen sich die einheimischen Literatur- und Kulturjournale alphabetisch aneinander.

Die Bibliothek als paradiesischer Ort

In Zusammenarbeit mit der Internet-Plattform "eurozine" wurde die Galerie der Literaturzeitschriften auch um Titel aus 25 weiteren Ländern Europas erweitert. Ein großer Tisch und ein Stehpult mit einem Computer stehen für jene bereit, die sich näher mit den "Exponaten" auseinandersetzen wollen.

Vom Arbeitstisch aus genießen die Besucher derzeit einen "Blick aufs Mittelmeer", dem sich das "Wespennest", eine "zeitschrift für brauchbare texte und bilder", in seiner Nummer 163 widmet. "Mare nostrum?", sinniert die Zeitschrift auf dem Cover, und eine Reihe von Autoren setzt sich dann im Inneren mit genau dieser Frage auseinander. Der Münchner Journalist und Fotograf Andreas Fischer ist rund ums Mittelmeer gereist und steuert einen Bildessay bei. Einige seiner Bilder hängen auch im Galerieraum.

"Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt," schrieb Jorge Luis Borges. Wenn wir uns das Paradies als einen Raum vorstellen, der sowohl Altes als auch ganz Neues enthält, dann haben wir es in der Alten Schmiede gefunden, wo in Zeitschriftenform gebundene Gegenwartskunst auf traditionelles Handwerk trifft.

Print-Artikel erschienen am  7. März 2013
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7