2013 finden in Italien, in Österreich und in der Bundesrepublik Deutschland Parlamentswahlen statt. Wird das Superwahljahr ein neues Kapitel aufschlagen? Tatsache ist, dass die beiden großen Länder dies- und jenseits der Alpen und Österreich inmitten seit Jahrhunderten in einem intensiven Beziehungsgeflecht stehen, das zwischen Freund- und Feindschaft, Bewunderung und Geringschätzung, Anziehung und Entfremdung pendelt.

Das Heilige Römische Reich, Reformation und katholische Reform, verspätete Nationalstaatsbildung, hier wie dort gegen das gerichtet, was damals Österreich war, Dreibund und Achse, dazwischen der für die Österreicher "einzig wahrhaft populäre Krieg" gegen Italien (Adam Wandruszka) - vielfältiger, kontroverser und zugleich verbindender kann europäische Nachbarschaft kaum sein. Um nichts weniger spannend und vielfältig sind die letzten 60 Jahre, die wir zu kennen glauben: Kalter Krieg, Europäische Einigung, (verspäteter) Beitritt Österreichs, Terrorismus, Südtirolfrage, Zusammenbruch des Ostblocks, Zusammenbruch des Parteiensystems in Italien mit dem Aufstieg Berlusconi usw.

Fundgrube und Zeitzeugnis

Eine Konferenz an der Universität Hildesheim hat Historiker aus den drei Ländern zusammengeführt mit dem Ziel vor allem zu vergleichen, möglichst immer alle drei beteiligten Länder zusammenzuschauen, eben das "Dreiecksverhältnis" zu sehen, weil dieses trotz der zahlreichen "bilateralen" Literatur bisher weitgehend unberücksichtigt blieb. Das ist nicht immer ganz gelungen, so mancher Beitrag bleibt bilateral, anderes fehlt. Der Vergleich der EU-Präsidentschaften besagt für das "Dreiecksverhältnis" wenig, da die Voraussetzungen jeweils grundverschieden waren. Aber ein Tagungsband ist eben kein systematisches Handbuch. Dafür ist das Buch eine anregende Fundgrube auf höchstem Niveau, zugleich ein historiografisches Zeitzeugnis.

Wie werden Faschismus und Nationalsozialismus in österreichischen, deutschen und italienischen Schulbüchern dargestellt? Wie ist die jeweilige Erinnerungskultur? Wie ging man mit den Brigate Rosse beziehungsweise der RAF um? Welche Rolle spielten die CIA und der Antikommunismus bei den Südtirolattentaten? Welche Veränderungen bewirkten das Jahr 1989 und die deutsche Einigung im "Dreiecksverhältnis"? Wie entwickelte sich die Sicherheitspolitik? Diese und andere Fragen werden kompetent und kompakt abgehandelt. Man trifft auf De Gasperi, Adenauer, Figl, Kreisky, Genscher und - auf Silvio Berlusconi, dessen einseitige Ausrichtung auf die Bush-Administration und "Ankündigungspolitik" wesentlich zur Entfremdung zwischen Italien und Deutschland beigetragen haben. Vielleicht eröffnen also die Wahlen des Jahres 2013 doch ein neues Kapitel?

Das Buch zeigt, wie erhellend es sein kann, die nationalstaatliche Ebene zu verlassen. Es sollte Nachahmung in Studien zu anderen europäischen Nachbarschaftskombinationen finden.