Noch nie war ich beim Öffnen einer Briefsendung eines Verlages unvermutet mit meiner eigenen Jugend konfrontiert. Dieses Erlebnis verdanke ich dem Buch des peruanischen Aufrührers Hugo Blanco Galdós mit dem schlichten Titel "Wir Indios".

Hugo Blanco 1988 bei Protestveranstaltung gegen den IWF in Wien. - © Foto: Fritz Keller
Hugo Blanco 1988 bei Protestveranstaltung gegen den IWF in Wien. - © Foto: Fritz Keller

Schon als Mitglied der sozialistischen Mittelschüler fühlte ich mich mit diesem seit 1963 verhafteten Führer einer Quechua-Bauerngewerkschaft in den Tälern von Convención im Departemento Cuzco solidarisch. "Tierra o muerte!" (Land oder Tod) lautete damals seine Parole, die mir sofort einleuchtete. 1967 - ich war gerade 17 - fand seine Berufungsverhandlung vor einem Militärgericht statt. Die Staatsanwaltschaft forderte die Todesstrafe. Das Verfahren endete mit einem "milden" Urteil von 25 Jahren Haft, abzusitzen in einer Strafkolonie auf der Gefängnis-Insel El Frontón.

Ich war Feuer und Flamme für Blancos Freilassung. Meine sozialdemokratischen Genossen hingegen waren von meinem Protest für diesen "Trotzkisten" weniger erbaut. Das bestärkte mich jedoch nur in meiner Rebellion. Schließlich standen mir ja das französische Schriftsteller-Philosophen-paar Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, der deutsch-stämmige Ökonom André Gunder Frank und der britische Philosoph Bertrand Russell in der internationalen Solidaritäts-Kampagne für Blanco zur Seite.

Im Jahr 1970 entließ die nationalistische Militärregierung von General Juan Velasco Alvarado tatsächlich die politischen Gefangenen, darunter auch Hugo Blanco. Wieder in Freiheit, verweigerte dieser konsequent die ihm angebotene Mitarbeit an der staatlichen Agrarreform. Seine Haltung bezahlte er mit der Ausweisung ins Exil: zuerst nach Mexiko und Argentinien, wo er neuerlich ins Gefängnis kam, dann ging er nach Chile, wo er die Allende-Regierung erlebte, und schließlich - nach dem Putsch von Pinochet - nach Schweden (1973).

Basis statt Parlament

1978 kehrte Blanco nach Peru zurück und wurde für ein Bündnis radikal linker Organisationen wiederholt zum Abgeordneten gewählt. Trotz dieses Mandates wurde er von der Polizei wegen der Teilnahme an Protestmärschen mehrmals verprügelt. Als er den Polizeichef von Ayacucho als verantwortlich für die dortigen Massaker anklagte, wurde er als Abgeordneter für drei Monate suspendiert. 1985 kehrte er deshalb dem Parlamentarismus den Rücken und widmete sich ganz der Basisarbeit in der "Confederación Campesina del Perú".

Am 28. August 1987 wollte ich im Zuge einer mehrwöchigen Südamerika-Reise das Idol meiner Jugend im Hotel Sheraton in Lima treffen. Fast wäre das misslungen, weil die Security dem ärmlich gekleideten Mann mit Vollbart und Plastik-Sackerl zunächst den Einlass verweigerte. Beim folgenden Interview fragte ich mangels Spanisch-Kenntnisse wenig. Doch Hugo Blanco kam ohne mich aus. Satz für Satz diktierte er fast druckreif in mein Tonband-Gerät: 1. ökonomisch Lage; 2. politische Kräfteverhältnisse; 3. Menschenrechte, usw.

Quechua-Frau und Soldat. - © Foto: Fritz Keller
Quechua-Frau und Soldat. - © Foto: Fritz Keller

Ein Jahr später begegnete ich Hugo wieder - diesmal in Wien. Sein Aufenthalt sollte einer europaweiten Kampagne gegen die "Lösung" der Schuldenkrise der Dritten Welt durch den Internationalen Währungsfonds unterstützen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon das Gefühl, durch sein Engagement nur Urlauber auf dieser Welt zu sein. Frau und Kinder, erzählte er nach seinem Vortrag im Beisl, habe er bereits nach Mexiko und Spanien in Sicherheit gebracht. Er könnte es nicht ertragen, wenn auch sie im Fall der Fälle, womöglich noch vor seinen Augen, gefoltert würden.

Geölter Todeskandidat

Am 9. Februar 1989 sollten sich diese Vorahnungen bestätigen: Nach einer Demonstration in der Stadt Pucallpa im Amazonas-Gebiet wurde Blanco von einer Sondereinheit der Polizei festgenommen. Dem Verhafteten wurden die Haare geschoren und das Gesicht geölt - damals in Peru ein Indiz, dass er ermordet und seine Leiche unkenntlich gemacht werden sollte. Sofort organisierte ich mit politischen Freunden eine Solidaritätskampagne: Im "profil" und in der "Arbeiter-Zeitung" erschienen Artikel. Protest-Unterschriften wurden gesammelt und dem Botschafter übergeben. (Der behauptete ungeniert, Hugo wäre schon lange freigelassen und verstecke sich nur, um Peru zu diskreditieren).

Dank dieser und ähnlicher Kampagnen auf internationaler Ebene (durch Amnesty International, die schwedische Gewerkschaftszentrale oder die spanischen Comisiones Obreras) wurde Blanco freigelassen und sofort für die Partido de Unificación Mariateguista zum Senator der Republik gewählt. Seine Tätigkeit in dieser Institution blieb ein Intermezzo, da Präsident Alberto Fujimori putschte und beide Kammern des Parlaments auflöste. Da ihm der Geheimdienst der Regierung und die maoistische Gruppe Sendero Luminoso nach dem Leben trachteten, floh Blanco wieder ins Ausland, diesmal nach Mexiko.

Im Exil näherte er sich politisch den Positionen des von Sub-Comandante Marcos geführten Ejército Zapatista de Liberación Nacional an. 1997 kehrte Blanco schließlich in seinen Geburtsort Cuzco zurück. 2008 wurde er unter dem Vorwurf, "Gewalt und Widerstand gegen die staatliche Autorität" begangen zu haben, neuerlich verhaftet. Kaum freigelassen, organisierte er eine Protestkampagne gegen ein Massaker an Indios im Amazonasgebiet von Bagua. 2009 unterzeichnete Blanco die Erklärung zum sozialen Umweltschutz in Bélem und nahm im Rahmen des Weltsozialforums an der internationalen öko-sozialistischen Versammlung in dieser Stadt teil. "Wir Indios", verkündete er bei diesem Anlass, "kämpfen seit 500 Jahren für einen sozialen Umweltschutz".