Schon die Namen klingen abschreckend: Ösophagusvarizen, Mottenfraßnekrose - und zum Abschluss noch ein Cytomegalo-Virus. Nichts davon möchte man haben. David Wagner hat sie alle - und noch mehr. Vor allem hat er, Jahrgang 1971, seit seinem 12. Lebensjahr eine kaputte Leber, genauer: eine Autoimmunhepatitis: "Mein Immunsystem hält körpereigene Leberzellen für fremdes Gewebe und bildet autoimmune Antikörper, diese Antikörper verursachen die Entzündung in der Leber".

Das Organ, das bei dem Halbwüchsigen schon so schlecht beisammen ist wie die Leber eines Zirrhosepatienten nach fünfzig Jahren schwerem Alkoholkonsum, führt zu ständiger Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Einzige Überlebensmöglichkeit: eine Lebertransplantation.

Von ihr, der sogenannten Hepatektomie, ihrer Vor- und Nachgeschichte, erzählt Wagner in seinem soeben mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Werk "Leben". Und er erzählt in erstaunlich poetischer Weise davon, in 277 mehr oder weniger kurzen Notaten, Berichten, Reflexionen, Beobachtungen, die sich in alle möglichen Zeit- und Raumdimensionen ausdehnen. Und Wagner erzählt erstaunlich leichthändig, freigeistig, selbstironisch von dieser großteils in Kliniken zugebrachten Existenz zwischen Leben und Tod.

Es ist eine Art Reisebericht; zumindest tauchen immer wieder dementsprechende Bilder und Vergleiche auf: "Krankheit ist vakante Zeit, ist (. . .) die Reise der Armen." / "Ich schaffe es wieder, das Leben nennt der Derwisch eine Reise, bis ins Bad. Immerhin." / "Ich (. . .) drifte über meinen Ozean, weit weg ins Archipel Irgendwo, Kreuzfahrt durchs Ich und dieses Krankenhaus."

Dass er sich - mitunter dreimal täglich - auch damit beschäftigt, dass er seine letzte Reise antreten könnte, und dass er diese freiwillig beschleunigen könnte: diese Gedanken verschweigt Wagner nicht, obwohl der fast durchgängig heitere Ton des Geschriebenen so gar nicht zu dieser schwermütigen Melancholie passen will. Aber der Ton ist ja auch erst im Nachhinein, im Schreib- und Selbstreflexionsprozess entstanden - und seine Mühelosigkeit zeigt, welch guter Schriftsteller David Wagner ist (was er zuvor ja auch schon in anderen Büchern, etwa in den Romanen "Meine nachtblaue Hose" und "Vier Äpfel", bewiesen hat).

Nachdem ihm eine neue Leber eingesetzt worden war (warum man nicht mehr von "eingepflanzt" spricht - auch darüber gibt es eine kluge kleine Sprachmeditation), beginnt Wagner nicht nur mit dem Organ, sondern auch mit deren vormaliger Besitzerin ein fiktives Zwiegespräch. Dass es eine Frau ist, obwohl er das nie erfährt, hält er für ausgemacht: er stellt sie sich als Finnin oder Österreicherin vor. Und fragt nach ihrem nunmehrigen gemeinsamen Status: ". . . sind wir jetzt verwandt? Bist du Nichte, Tante, Gewebe-Cousine?"

In den vielen Stunden, Tagen, Wochen, Monaten, die der Autor in Krankenhäusern und Rehakliniken verbringt, fällt ihm viel ein und auf. Etwa die allzu saloppen Schuhe seines Operateurs: "Ich kann gar nicht aufhören, diese weißen Lederslipper anzustarren. Hallo, sind Sie Rolf Eden? Hat mich ein Mann operiert, der solche Schuhe trägt?" Oder die "Krankheitsangebereien" bei Tischgesprächen: "Es kommt zu einem Wettbewerb der schweren Schicksale, und die schlimmste Krankheitsgeschichte gewinnt."

Wagners Buch, dem das Motto "Alles war genau so und auch ganz anders" vorangestellt ist, ist keine Angebergeschichte: dafür ist sie - trotz aller beiläufig ausgestellten Brillanz - zu feinsinnig, zu verspielt, zu wenig auftrumpfend. Trotz des glücklichen Endes, den alles genommen hat: Nicht alle Transplantierten überleben - bei vielen gibt es massive Probleme. Nicht bei Wagner, seine "Transplantleber", heißt es im abschließenden Bulletin, "zeigt klinisch und laborchemisch eine gute Funktion hinsichtlich der Synthese- und Exkretionsleistung".

Was Wagner letztlich neben dem nun funktionstüchtigen Organ aber auch am Leben (er)hält, erwähnt er an mehreren Stellen nur peripher: es ist das Kind, seine Tochter. Dass man über sie nicht mehr erfährt, nicht einmal den Namen, ist gut so. Denn wenn sich ein Mensch derart selbst ausstellt - und das ist in diesem wundervollen Buch die Voraussetzung seines Gelingens -, ist es nur folgerichtig, dass alle Nahestehenden weitgehend ausgespart und verschont bleiben.

Sie sind, so wie wir als Leser, nicht Akteure, sondern Profiteure des Geschilderten: Das Kind hat seinen Papa wieder, und wir einen Autor, dem wir noch viele "Leben" wünschen.