Wien. Der Friseursalon ist ja ein berüchtigter Ort für Klatsch und Tratsch. In Simbabwe aber erfährt man dort nicht nur, wer mit wem und wo, sondern erhält auch wichtige Informationen, die einem das Leben in der Mangelwirtschaft, die das afrikanische Land im Griff hat, erleichtern: etwa, wo es gerade Zucker gibt. Und für einen guten Haarschnitt sorgt die Kundin, die wieder jemanden kennt, der am Zuckerverkauf beteiligt ist, dafür, dass ihre Friseurin vor den anderen Wartenden ein paar Packungen zugeschoben bekommt - an einem Hintereingang "wie bei einem Drogendeal".

Derartige Szenen finden sich im Roman "Der Friseur von Harare" des simbabwischen Autors Tendai Huchu, dessen deutsche Übersetzung im Peter Hammer Verlag erschienen ist. Einer der erfolgreichsten Friseursalons Harares ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans, hier trifft die Ober- auf die Unterschicht. Eine Ministerin, die der Partei Zanu-PF des Langzeitherrschers Robert Mugabe angehört und mehrere Farmen besitzt, wird von der Friseurin Vimbai bedient, die sich in ihrer Kindheit ein Zimmer mit mehreren Geschwistern in einem Armenviertel teilen musste und sich nun darum sorgt, ob die rasende Inflation das Schulgeld für ihre Tochter wegfressen wird.

Tendai Huchu

Vimbai ist die Hauptfigur des Romans. Die Aufsteigerin ist zunächst die bei den Kundinnen beliebteste Mitarbeiterin des Salons, "das Huhn, das goldene Eier legte", wie sie selber sagt. Doch dann wird mit Dumisani ein neuer Friseur eingestellt, der sie vom Thron stürzt. Von hier aus entwickelt sich eine spannend erzählte Geschichte über berufliche Konkurrenz, Liebe - und Homosexualität. Diese ist in Simbabwe durchaus ein Tabuthema, und im Roman kommt heraus, wie wenig sie in dieser konservativen Gesellschaft geduldet wird und welches Leben im Verborgenen Homosexuelle führen müssen.

Huchu will aber kein Mahner, Aufklärer oder Gewissen der Nation sein. Dies sei für ihn als Romanautor aus Simbabwe ohnehin vermessen, "weil ich in einer Kunstform arbeite, die für den Großteil der Gesellschaft keine Rolle spielt", sagt der 30-Jährige, der auf Einladung der Organisation "Südwind" in Wien war, der "Wiener Zeitung". Der Roman habe seine Tradition im Westen und sei daher in Simbabwe vielen Leuten fremd geblieben. Zudem kann es sich in dem herabgewirtschafteten Land nur eine schmale Schicht leisten, Bücher, die in Simbabwe teuer sind, zu kaufen. Rund 500 Ausgaben des Romans von Huchu, der mittlerweile in Edinburgh lebt, wurden in dessen Heimat abgesetzt - und damit ist das Buch ein erfolgreicher Titel.

Hyperrealität des Romans

Aber abgesehen davon: "Die Menschen in Simbabwe wissen selbst, dass ihre Gesellschaft derzeit in Trümmern liegt. Sie brauchen nicht meinen Roman für diese Erkenntnis." Und er verweist auch auf eine Falle für Leser aus anderen Staaten, die sein Buch als Landeskunde über Simbabwe heranziehen wollen: Ein Roman könne höchstens nur Ausschnitte und einzelne Elemente eines Landes zeigen. Gleichzeitig liege es in seinem Wesen, dass er eine "Hyperrealität erzeugt", dass er mit Übertreibungen und Überzeichnungen der Charaktere arbeite, um der erzählten Geschichte schärfere Konturen zu geben.

Huchu wehrt sich dagegen, dass seine Literatur als Mittel zu einem höheren Zweck vereinnahmt wird. "Die Fiktion und das Geschichtenerzählen müssen nicht über sich selbst hinausweisen", betont er. Die erfahrene Realität bildet so den Rahmen und das Absprungbrett für die Geschichte, die sich aber selbst genügen und einfach gut sein soll.

So bringe auch das Thema Homosexualität zusätzliche Spannung in den Roman. Aber noch aus einem anderen Grund hat Huchu es gewählt: "Als Autor will man auch etwas schaffen, das sich von dem unterscheidet, was zuvor da war. Während es in westlichen Romanen eine Menge homosexueller Charaktere gibt, findet man sie kaum im literarischen Kanon von Simbabwe." In der Hauptfigur Vimbai, die Mitglied einer Pfingstgemeinde ist, zeigt sich eine ablehnende Haltung, die sich aus christlich konservativen Werten speist, gegenüber der Homosexualität. Die Geschichte wird durchgängig aus der Sicht Vimbais in der Ich-Form und chronologisch erzählt. Huchu sagt selbst, dass er damit dem Roman eine einfache Struktur gab. "Vimbai ist ja auch ein wenig naiv, und die Form des Romans reflektiert ihre Möglichkeiten als Erzählerin." Das Buch ist dabei sehr stimmig komponiert und zieht den Leser, oft auch mit Humor, in den Sog der Geschichte.

Dostojewski und Simbabwe

Für sein Schaffen sei die mündliche Tradition seiner Heimat bedeutend, betont Huchu. Sonst habe er einfach quer durchgelesen, weshalb es schwer zu sagen sei, wer ihn genau inspiriert habe. Jedenfalls konsumiere er viel afrikanische Gegenwartsliteratur, "weil ich auch Teil dieser Generation bin". Huchu nennt als Beispiel etwa den in den USA lebenden wie Teju Cole, der nigerianische Wurzeln hat und dessen Roman "Open City" gerade für Furore in den Feuilletons sorgt.

Eine Zeit lang habe er auch russische Literatur verschlungen. Denn die Parallelen zwischen dem Russland des 19. Jahrhunderts und dem gegenwärtigen Simbabwe seien frappierend. "Bei Fjodor Dostojewski taucht immer wieder die Frage auf, wie weit der westliche Einfluss gehen soll - dieselbe Debatte gibt es in Simbabwe. Oder man begegnet in seinen Romanen Charakteren, die ständig wegen ihrer Tuberkulose husten - wie man sie im heutigen Simbabwe antrifft."

Hier ist sie also doch wieder, die Rückbezüglichkeit zur Wirklichkeit. Ganz ohne den Spiegel der Realität funktioniert die Literatur ja auch nicht.