Längst ein Standardwerk ist Peter Landesmanns Einführung "Die Juden und ihr Glaube" - 1987 erschien die erste, bei Amalthea die kürzlich fünfte Auflage. Doch ein jüngstes Buch dieses spätberufenen Wiener Schriftgelehrten im jüdischen, katholischen, evangelischen Universitätsfach trägt einen Titel, der von Laien schwer zu enträtseln ist, obwohl auch sie es wären, die Landesmanns Botschaft erreichen will und soll: "Der Antijudaismus auf dem Weg vom Judentum zum Christentum". Der Begriff "Antisemitismus" lauert umfassender in jedermanns Bewusstsein. "Antijudaismus" meint die religiöse, dogmatische Judenfeindlichkeit. Die schwer zu fassen ist für das Jahr null des Christentums, als nur Juden Jesus folgten.

Landesmann - neben dem 2007 verstorbenen Judaistikprofessor Kurt Schubert der behutsamste und beharrlichste österreichische Mittler zwischen jüdischer und christlicher Geistigkeit - zeichnet im Mosaikbild kanonischer und nichtkanonischer antiker Quellen den wenigstens fünf Jahrhunderte währenden Prozess der Separation der Christen, unter ihnen vieler "Judenchristen", vom orthodoxen Judentum nach. Ein scharfer obrigkeitlicher Schnitt: Kaiser Konstantin I. deklariert 321 n. Chr. den Sonntag als offiziellen Tag der Ruhe.

Breiter als das Trennende ist das Gemeinsame herausgestellt, das "unsere älteren Brüder" (Papst Wojtyla über die Juden) nicht nur mit den ersten Christen, die in ihren Häusern das Brot brachen (Apg 2, 42-47) und die Knie beugten (Phil 2, 9ff), verbindet. Systematisch sucht Landesmann Parallelen zu christlichen Auffassungen von Jesus als Prophet, Hoher Priester, Christus, König, Retter, Herr, Mittler, Menschensohn, Lamm Gottes, Zweiter Adam, Logos, Gott in der Hebräischen Bibel und in rabbinischen Festschreibungen. Oft überlesen wird Leviticus 19,18: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Deutungen des Alten Testaments durch das Neue ("Typologien", "Präfigurationen") sind altes Theologenbemühen. Landesmann trägt einladend freundlich ohne Bekenntnisdruck vor. Ein Satz, der niederwirft: "Die jüdische Lehre begründet das Leiden des jüdischen Volkes mit der damit verbundenen Entsühnung aller anderen Völker."

Paulus predigte noch in Synagogen. Die Zäune wurden von beiden Seiten aufgerichtet. Es gibt verblüffende Verwerfungen - etwa Stieropfer einer judaisierenden christlichen Sekte im 5. und 6. Jahrhundert. Die Konzilien, Synoden, Kirchenväter zogen die Trennungslinien zunehmend strenger. Erst das Zweite Vaticanum nahm in seiner Erklärung "Nostra aetate" die Lehrmeinung zurück, dass die Kirche allein das wahre Israel sei.