Wenn das eigene Leben so trist ist, dass man nicht selbst damit konfrontiert werden will, dann hilft es, wenn man sich in jenes der anderen flüchtet. Meint zumindest Ruth Amsel, die Protagonistin in Isabella Straubs beeindruckendem neuen Roman "Südbalkon". Ruth hat zwar eigentlich einen Westbalkon, aber im Verlauf der Geschichte wird besagter Südbalkon eine wesentliche Rolle spielen. Bis es dazu kommt, muss aber noch Ruths Leben völlig den Bach hinuntergehen. Dabei ist es jetzt schon zum Verzweifeln: kein Job, ein Freund mit seltsamen Vorlieben und einem fragwürdigen Job, eine zweifelhafte beste Freundin, eine verlorene beste Freundin und ein fremder Mann an der Seite ihrer Mutter, während der eigene Vater noch im Haus ist.

Aus dieser tristen Szenerie versucht Ruth regelmäßig zu flüchten, indem sie sich hinter einer Statue im Garten einer Klinik versteckt und das Leid der anderen beobachtet und dokumentiert. Klingt nicht nur komisch, ist es auch. Und trotzdem schafft Straub den Spagat, ihre Hauptfigur einerseits fast schon ins Lächerliche zu ziehen mit der Schilderung ihres gescheiterten Lebens und sie andererseits doch wieder liebenswert zu machen und beim Leser Verständnis für Ruths verqueres Handeln zu wecken. Genauso wie die Geschichte eigentlich nur im Schneckentempo ziemlich unspektakulär vorankriecht - und trotzdem auf eine ganz spezielle Art und Weise fesselt. Und so still und unauffällig das Buch daherkommt, so starken sozialen Sprengstoff birgt es in sich.