Dieses Buch gleicht einem so ungewöhnlichen wie beeindruckenden Tagebuch. Jedes Jahr schreibt Christa Wolf nieder, was am 27. September in ihrem Leben geschah: Kleines und Großes, Hauptsachen und Nebensächlichkeiten, Weltpolitik und Banalitäten. Das machte sie seit dem Jahr 1960, als eine Moskauer Zeitung Schriftsteller aus aller Welt darum bat, ihren 27. September so genau wie möglich zu beschreiben. Christa Wolf hörte ihr Leben lang nicht mehr damit auf.

2003 veröffentlichte sie erstmals ihre gesammelten Einträge und erntete dafür von Kritik und Lesern euphorische Reaktionen. Im Dezember 2011 ist Christa Wolf in Berlin gestorben; ihre Einträge aus den Jahren 2001 bis 2011 hat nun Ehemann Gerhard Wolf postum publiziert. Dieser findet an jedem 27. September Erwähnung, denn das neue Buch erzählt auch die Geschichte einer den Jahren trotzenden Ehe. Nichts aufregend Intimes gibt Wolf preis, aber doch private Speisenfolgen, Lektüren oder gemeinsam absolvierte Fernsehprogramme.

Wie stets ist es der anschauliche Allerweltston, der für ihr Schreiben einnimmt. Klar und kantig begegnet sie dem Tag, lässt die Schlagzeilen der Tageszeitungen Revue passieren, ärgert sich über Menschen, die ihr ungefragt Bücher zum Signieren nach Hause schicken und beschäftigt sich mit Geburtstagsvorbereitungen für Tochter Tinka, die an einem 28. September geboren wurde.

In ihren Zeilen zum 27. September 2001 zitiert Christa Wolf den amerikanischen Autor E. L. Doctorow, nach dessen bedenkenswertem Verdikt kein Schriftsteller die wirkliche Konsistenz von gelebtem Leben wiedergeben könne. Das Zitat diente auch als Motto zu Wolfs letztem großen Roman, "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud". Kein Zufall, versucht sie doch nicht weniger als genau das: die Konsistenz gelebten Lebens wiederzugeben - und es gelingt. Diese Konsistenz ergibt sich aus höchst Unterschiedlichem; da fügt sich der Besuch bei der Kosmetikerin zu den welterschütternden Anschlägen auf das World Trade Centre.

Christa Wolf schreibt über die endlose Liebe zu ihrem Mann, den Wechsel von Luchterhand zu Suhrkamp und über deutsch-deutsche Befindlichkeiten. Dabei verfasst sie nicht nur ihr eigenes, sondern unser aller Tagebuch, das den Lauf der Welt anhält.

Ihre zentrale Frage lautet: Wie kommt Leben zustande? Noch am Ende des Lebens entreißt sie ihren Alltag dem Vergessen, begleitet von einem leisen "Wie oft noch?" Ein bewegendes Vermächtnis einer Schriftstellerin, die stets mehr war als nur das.

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert. 2001-2011. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 161 Seiten, 18,50 Euro.