"Ich heiße Vigolette alt. Ich bin ein Zwerg. Ich bin acht Zentimeter groß und aus Gummi." So leitete Urs Widmer 2006 seinen Roman "Mein Leben als Zwerg" ein, der - aus der Perspektive des Lieblingsspielzeugs des Sohnes - eine Fortsetzung seiner beiden "Familien"-Romane "Der Geliebte der Mutter" (2000) und "Das Buch des Vaters" (2004) bildete und uns gleichzeitig diverse Facetten des Autors präsentierte: den ernsten, nachdenklichen Schriftsteller und den märchenhaften, verspielten Fabulierer.

Urs Widmer. - © Foto: Wikimedia
Urs Widmer. - © Foto: Wikimedia

Urs Widmer gehört zu den wenigen zeitgenössischen Schriftstellern, für die Humor und Tiefsinn keinen unüberbrückbaren Gegensatz darstellen. Moderne Märchen, bizarre Theaterstücke, sprachartistische Hörspiele und kunterbunte Erzählwerke hat der in Zürich lebende Autor in den letzten 45 Jahren vorgelegt - stets darauf bedacht, die Waage zu halten zwischen Aufklärung und anspruchsvoller Unterhaltung.

Einen repräsentativen Querschnitt aus Widmers künstlerischem Schaffen hat der Diogenes Verlag nun mit einem opulenten, hochwertig ausgestatteten Band vorgelegt, der 32 Erzählungen enthält - von Widmers Debütwerk "Alois" (1968) bis hin zu "Reise nach Istanbul" (2010).

"Ich lebe seit 1968 von dem, was ich schreibe. Das muss mir zunächst einmal einer nachmachen, das ist realistisches Schreiben. Am Anfang hatten wir null Geld. Aber ich kann mich an keineSekunde des Leidens, an keine Armut erinnern", erklärte Widmer, der vor 75 Jahren, am 21. Mai 1938, als Sohn eines Gymnasiallehrers, Übersetzers und Literaturkritikers in Basel geboren wurde. Als er 1968 mit der Erzählung "Alois" debütierte, hatte er gerade sein Studium mit der Promotion abgeschlossen und arbeitete als Verlagslektor bei Suhrkamp.

Urs Widmer, der sich ausgiebig mit Nabokov und Joseph Conrad beschäftigt hat, beherrscht die gesamte Bandbreite der literarischen Genres und betreibt ein amüsantes Verwirrspiel mit den künstlerischen Formen. In den Erzählwerken "Der blaue Siphon" (1992), "Liebesbrief für Mary" (1993) und "Im Kongo" (1996; alle bei Diogenes erschienen) dominiert eine eigenwillige Mischung aus surrealistischen Sequenzen und knallhartem Realismus. Mit den wechselnden Schauplätzen (Australien, Zürich, Kongo) changiert auch Widmers Erzählduktus. Je exotischer das Ambiente, umso farbenfroher, ausdrucksstärker und vitaler wird die Sprache, die in einigen Passagen nahezu expressionistische Züge annimmt.

Trotz seiner formalen Verspieltheit ist Widmer, der sich auch erfolgreich als literarischer Übersetzer betätigte, niemals ein Elfenbeinturm-Poet gewesen. Sein erfolgreichstes Theaterstück, "Top Dogs", für das er 1997 den Mülheimer Dramatikerpreis erhielt, ist das Ergebnis einer intensiven Recherche in Managementkreisen. In nur drei Monaten hat Widmer dieses Stück, das auf über 40 Bühnen gespielt wurde (und noch gespielt wird), in Zusammenarbeit mit dem damaligen Züricher Theaterintendanten Volker Hesse fertiggestellt.

Ob in dem skurrilen Geschichtenband "Vor uns die Sintflut" (1998), im weniger geglückten Theaterstück "Bankgeheimnisse" (2001 in Zürich uraufgeführt), im Essayband "Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück" oder in seinen diversen Zeitungskolumnen: Urs Widmer ist stets ein präziser Beobachter des Alltags, ein feinsinniger Analytiker, der vehement gegen das "Paradies des Vergessens" (so hieß eine 1990 erschienene Erzählung, die im neuen Sammelband ebenfalls enthalten ist) anschreibt.

Auch in seinem letzten Roman "Herr Adamson" (2009) treibt Widmer, der tiefsinnige Schelm unter den zeitgenössischen Autoren, wieder allerlei fantastischen Schabernack. Ein Greis erinnert sich an seinem 94. Geburtstag, den er am 20. Mai 2032 feiert (es wäre dies der Vorabend von Widmers 94. Geburtstag), an eine Begegnung aus Kindheitstagen. Der alte Mann mit Schnauzbart und zotteligen Strähnen um den Glatzkopf herum ähnelt (wohl nicht zufällig) Widmers eigenem äußeren Erscheinungsbild.

"Kann man denn nicht lachend auch sehr ernsthaft sein?", heißt es in Lessings "Minna von Barnhelm". Urs Widmer - einmal spottender Harlekin, einmal weiser Prophet - hat dies eindrucksvoll geschafft.