Als literarischer Cicerone führt Hans Raimund durch das lyrische Werk von Virgilio Giotti (1885-1957): Der zeitlebens arme Poet zählt zur "Letteratura triestina" (als deren prominentestes Mitglied Italo Svevo gilt) und schrieb seine Gedichte in "triestino", genau sagt: in seinem triestino. Er entwickelte den lokalen Dialekt zu einer "höchst persönlichen, raffinierten und rational gefilterten Sprache" (Raimund), zum "außergewöhnlich poetischen Ausdrucksmittel: archaisch und zugleich höchst modern" (Magris).

Giottis Haupt- und Herzthema ist seine Heimatstadt: Triest als "fantasma poetico" (Pasolini), die Menschen, die Straßen, die Luft, das Leben hier. Ein Beispiel:

Come ’na rossa cìnana, / contro el ziel senza un sgrafo, / el sol andava zo, / fra grue e un vècio scafo. // Grando e bel el calava / drio la riga del mar: / trista la mia zità / la lo stava a vardar. // La iera tuta zènere / e zita. Sguelta andava / la gente par la riva / che negrizava.

Wie eine rote Tschinelle / ging am makellosen Himmel / die Sonne unter / zwischen einem alten Boot und Kränen. // Groß und schön versank sie / hinter der Linie des Meers: / meine traurige Stadt / schaute ihr dabei zu. // Sie lag in Schutt und Asche, / totenstill. Geschwind gingen / die Leute auf der Uferstraße, / die sich verdunkelte.

Virgilio Giotti: Kleine Töne, meine Töne. Gedichte. Aus dem Triestiner Italienisch von Hans Raimund. Drava Verlag, Klagenfurt 2013, 166 Seiten, 19,80 Euro.