Nur selten geben ehemalige Staatsmänner so weitsichtige weltpolitische Ein- und Ausblicke wie in diesem Buch. Der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt (Jahrgang 1918), die ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger (Jahrgang 1923) und George Shultz (Jahrgang 1920) sowie der frühere Premierminister Singapurs, Lee Kuan Yew (Jahrgang 1923) schaffen es in diesem Buch - das vor allem den Aufstieg Chinas behandelt.

Der "Zeit"-Journalist Matthias Nass hat aus den Treffen und Gesprächen der vier Freunde ein äußerst informatives, lebendiges Buch verfasst - kommentiert mit einem Beitrag Schmidts über seine Begegnungen mit China, dem der Westen ohne Angst, wohl aber mit gebührendem Respekt vor der viertausendjährigen chinesischen Kultur begegnen sollte. Gerade für den langjährigen Staatslenker Singapurs, Lee Kuan Yew, ist diese Haltung ein Gebot der Stunde. Auf seiner letzten Reise nach Ostasien 2012 trifft sich Schmidt denn auch in Singapur mit Lee, seinem alten Freund. Eine dreitägige Unterhaltung über Weltpolitik und private letzte Dinge, "über Gott", folgt.

In einem Berliner Hotel hält der inzwischen im Rollstuhl sitzende Schmidt im gleichen Jahr eine Laudatio auf George Shultz, der den Henry-Kissinger-Preis der American Academy empfängt. Auch Kissinger ist dabei - nur Lee fehlt aus Gesundheitsgründen. Ihr Hauptthema: Wie soll sich der Westen gegenüber China verhalten? Einhellig halten die drei fest, China müsse ohne westliche Überheblichkeit als gleichberechtigter Partner in allen globalen Fragen behandelt und integriert werden - ohne allzu prononcierte Besserwisserei in Sachen Menschenrechte - auch wenn es um die Annäherung Taiwans an China bis hin zu friedlicher Wiedervereinigung gehe.

"China werde als Weltmacht seinen eigenen Weg gehen", so der gemeinsame Tenor. Schmidt ortet dennoch Meinungsverschiedenheiten: So halte er, Schmidt, ebenso wie auch Shultz, doch anders als Lee Kuan Yew und gewiss anders als Kissinger, den "nuklearen Aufmarsch der USA gegenüber China für weit übertrieben". Doch der Kern ihrer Freundschaft wird davon nicht berührt: Es ist schlicht menschliche Zuverlässigkeit als global denkende Realisten. Der Band ist sowohl eine Lehrstunde in Weltpolitik als auch ein berührend sentimentaler Abschied alter Freunde voneinander.