"Das Katalogisieren ist heute wichtiger als der Inhalt": Kenneth Goldsmith ist ein Sammler - in einem seiner Bücher hat er jedes Wort, das er in einer Woche gesagt hat, niedergeschrieben. - © C. Wittig
"Das Katalogisieren ist heute wichtiger als der Inhalt": Kenneth Goldsmith ist ein Sammler - in einem seiner Bücher hat er jedes Wort, das er in einer Woche gesagt hat, niedergeschrieben. - © C. Wittig

Ein paar tausend Kilo Papier sind es angeblich schon, aber vom Ziel ist der Kurator noch weit entfernt. Nicht, dass er bei seinem Galeristen nachfragen würde: "Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, wie viel bis jetzt zusammengekommen ist. Und es ist mir auch egal. Wann ist noch mal die Deadline?" Bis 15. Juli werden noch Zusendungen angenommen. "Wirklich? Okay, cool. Na dann werden wir ja sehen." Gezeigt wird das Werk von 26. Juli bis 30. August in der Galerie Labor in Mexiko City. Ausgestellt werden soll das Internet, ausgedruckt, auf Papier. Zum Mitmachen aufgerufen ist jeder Mensch auf Erden (unter
printingtheinternet.tumblr.com). Wie viel Platz hat die Galerie Labor? "Die ist groß. Zwei Stockwerke, beide ein paar hundert Quadratmeter, mit hohen Decken."

Kenneth Goldsmith lacht, das macht er gern und viel, und manchmal scheint es, als ob er nur darauf aus wäre, auch seine Mitmenschen zum Lachen zu bringen. Der 51-Jährige weiß, auf welche Knöpfe er drucken muss, um sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu sichern; und dass er es liebt, wieder einmal im Mittelpunkt einer halbernsten Kontroverse zu stehen, kann man ihm schwer zum Vorwurf machen, zumal er selbst dafür verantwortlich zeichnet.

Die Tatsache, dass viele seine jüngste Aktion ernst nehmen - es gibt Online-Petitionen, die von der Teilnahme abraten, den Bäumen zuliebe -, stellt für ihn "einen Erfolg an sich dar. Die Debatte ist entfacht, die Leute reden darüber. Ist das nicht fantastisch?" Menschen zum Lachen und gleichzeitig zum Reden bringen, zum Diskutieren, zum öffentlichen Be- und Hinterfragen, ist die Kunst des Kenneth Goldsmith. Davon, dass er sie virtuos beherrscht, zeugen die Meriten seiner Arbeit ebenso wie die Kritik an ihr.

Theorien über Dichtung

Anfang des Monats endete sein halbes Jahr als Hausdichter des Museum of Modern Art (MoMa), des ersten in der Geschichte der Institution - Goldsmith hielt Vorlesungen, lud Gäste zum Rezitieren von Texten und zum Sinn- und Blödsinnreden ein. Seit Beginn der Dekade darf der an der Universität Pennsylvania Poesie und Poetische Praxis lehrende Goldsmith US- und manchmal sogar weltweit Vorträge über seine Theorien über die Rolle des geschriebenen Wortes im 21. Jahrhundert halten. Unter anderem als Gastredner an der Eliteuni Princeton und im Weißen Haus. Vor zwei Jahren las er dort dem Ehepaar Obama aus dem Schaffen Walt Whitmans, Hart Cranes und seiner selbst vor: aus dem 2007 erschienenen "Traffic", in dem er alle Verkehrsmeldungen transkribierte, die ein New Yorker Radiosender an einem Tag sendete.

Die Grundlage für Kenneth Goldsmiths globale Prominenz bildet trotzdem weniger das In-novations- und Diskursanstoß-
potenzial seines schreiberischen uvres (Plagiarismus versus
Aneignung, Sampling gegen sogenannte Originalität) als die
Betreuung einer von ihm betriebenen Website. Seit rund 17
Jahren setzt er sich fast jeden Abend vor den Computer und widmet sich der Erweiterung des von ihm gegründeten Ubuweb, des weltweit größten - und in seiner Art einzigen - Archivs für Avantgardekunst.

"Was ich finde, gehört mir"

Der "Mackie Messer" aus der "Dreigroschenoper", gesungen von Bertolt Brecht höchstselbst und Kurt Schwitters’ "Ursonate"; William S. Burroughs und Brion Gysin im Dialog über Lesen, Schreiben und Leben; die Musique-Concrète-Experimente des Malers Jean Dubuffet; die Kurzfilme des Schriftstellers Samuel Beckett und das Videokunst-Schaffen des Bildhauers Richard Serra; John Cages Vorlesungen zu Fragen von Musiktheorie und -praxis (Dauer: knapp 50 Stunden), die Choreografien des Balletterneuerers William Forsythe: alles auf Ubuweb als Text-, Bild-, Audio- oder Videofile verfügbar. Nur ein paar Beispiele von hunderttausenden. Gratis. Alles. Ohne Ausnahme. Möglich nur, weil Goldsmith, der die Seite ursprünglich als virtuelle Spielwiese für seine eigenen Interessen - Visuelle und Konkrete Poesie - geplant hatte, sie von Beginn an nach einem Prinzip ausrichtete, das sich so beschreiben lässt: Alles, was ich auf meinem Rechner finde, ist meins.

"Wenn wir um Erlaubnis gefragt hätten, gäbe es Ubuweb nicht. Die Seite auf legalem Weg zu betreiben, würde Millionen Dollar kosten. Die hab’ ich nicht."

Geklagt wurde Goldsmith in all den Jahren trotzdem von niemandem. Und wenn es mal Probleme gab - etwa im Fall der von der kanadischen CBC produzierten Dramen von Harold Pinter -, nahm er die Files ohne große Diskussionen einfach wieder von der Seite. Thema erledigt: "Klar hat mich die Arbeit an Ubuweb zum Copyright-Experten gemacht. Aber wir dürfen nicht vergessen, worum es geht: Avantgardekunst, die keinen ökonomischen Wert hat."

Das Unanschaubare, Unhörbare und Unlesbare: Ubuweb ist der Marktplatz, an dem sie per Mausklick vertrieben werden. Unter der Hand. Die Inhalte der Seite werden nicht von Google erfasst. Eine laut Goldsmith bewusste Entscheidung: "Ich habe keine Leser-, sondern eine Denkerschaft. Ohne Google haben im Lauf der Jahre immer nur die Leute davon erfahren, die es wirklich interessiert."