Ein letztes Mal noch Tony Judt, wie er dachte und wachte: Bevor der englisch-amerikanische Historiker, der zuletzt in New York das Erich-Maria-Remarque-Institut für Europäische Studien geleitet hatte, im Sommer 2010 starb, führte sein Kollege Timothy Snyder von der Yale University über einen langen Zeitraum Konversation mit dem durch eine heimtückische Nervenkrankheit zunehmend gelähmten Wissenschafter. Gegenstand dieses Gesprächs der Geister im Sinne Platons, das nun in Buchform vorliegt: "Nachdenken über das 20. Jahrhundert". Es ist ein einzigartiges Dokument nicht nur der luziden Analysen, sondern auch der Freundschaft. Gezeigt wird: So siegt der Geist über den Körper.

Wien und sein hier beheimatetes "Institut für die Wissenschaft vom Menschen" war eine wichtige Wirkungsstätte für beide Historiker. Deshalb ist Wien und seine prosperierende Kultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch Ausgangsort für ihre assoziations- und erkenntnisreiche Zwiesprache. Judt erinnert an die Nostalgie, mit der sowohl Stefan Zweig wie John Maynard Keynes auf die wohlstandsgesättigten, scheinbar so zukunftsweisenden Lebensumstände in ihren jeweiligen Vorkriegsimperien zurückblickten.

Zäsur durch Ersten Weltkrieg

Das mutwillige Zerbrechen dieser Ordnungen brachte nach 1914 für Jahrzehnte Zerstörung, Entzweiung und die heftigsten politischen Polaritäten über nahezu sämtliche europäischen Gesellschaften. Judt: "Alle diese Vorstellungen wären kaum möglich gewesen ohne den Ersten Weltkrieg und die Verherrlichung von Tod und Gewalt, die durch ihn befördert wurde. Was kommunistische und faschistische Intellektuelle nach 1917 verband, war die Begeisterung für die große Schlacht und ihre sozialen und ästhetischen Konsequenzen. Gerade faschistische Intellektuelle rechtfertigen Krieg und Gewalt mit dem Tod: Aus dem Gemetzel würden ein besserer Mensch und eine bessere Welt hervorgehen."

Vorgelebt wurde das totalitäre Unterdrückungssystem in Russland durch die Gewalt, mit der Lenin und die Seinen das Volk an die Kandare nahmen: "Der sowjetische Staat war brutal und stark und wurde mit eiserner Hand gelenkt. In der Anfangszeit verkörperte er all das, was spätere
Faschisten bewunderten und in der politischen Kultur ihrer eigenen Gesellschaft vermissten. Die Sowjetunion bewies, dass eine Partei eine Revolution durchführen, die Macht im Staat erobern und notfalls mit Gewalt herrschen konnte."

Diese Gewalt nannte sich bei den Kommunisten "Volksdemokratie". Bei den Nazis begründeten die "Volksgenossen" eine Pöbelherrschaft. Indes, das Volk war nie der Souverän. Das zersetzende Schlagwort von der Demokratie als "Diktatur der 51 Prozent" hatte in der Weimarer Republik deren Untergang in einer tatsächlichen Diktatur bereitet.

Entlang von Tony Judts weit reichender Familiengeschichte werden die verschiedenen Strömungen und Zuflüsse der europäischen Ideengeschichte im 20. Jahrhundert verfolgt. Aufgerufen werden die Wegbereiter jener Befreiung des Zwangsdenkens von Ideologie und Dogmatismus, die für Judt so wichtig wurden: Hannah Arendt, Raymond Aron, Leszek Kolakowski, Isaiah Berlin. Auch der Name Jürgen Habermas fehlt in diesem Zusammenhang nicht.

"Risiken einkalkulieren"

Geschichte ist Erschütterung durch verstrichene Zeit. Das ist bei beiden Historikern stets spürbar. Ihr Ausblick freilich ruft zur "Zukunftsverwegenheit" auf, wie Timothy Snyder es emphatisch nennt. Diesem Aufruf folgt auch Tony Judts Vermächtnis: "Das Fundament einer modernen Demokratie muss unser historisches Bewusstsein dessen sein, wohin es führt, wenn wir uns nicht um das moderne, demokratische Gemeinwesen kümmern und an ihm festhalten. Es kommt also darauf an, dass wir die Risiken, etwas falsch zu machen, einkalkulieren, statt uns verbissen darauf zu konzentrieren, alles richtig zu machen."