Es empfiehlt sich nicht, den Kopf in den Rachen eines Alligators zu stecken, nicht einmal dann, wenn man sich mit diesen Tieren sehr gut auskennt. Der Mann, der es trotzdem immer wieder gewagt hat, trägt die Spuren eines schrecklichen Bisses noch heute. Immerhin ist er mit dem Leben davongekommen und kann viele Jahre später der 17-jährigen Ausreißerin Colleen das Leben retten, als diese sich leichtsinnig in Alligatorengewässer aus einem Boot wagt.

Im Debütroman der 1964 geborenen, von der Kritik hochgelobten neufundländischen Autorin Lisa Moore - mit ihrem Roman "Und wieder Februar" war sie Man-Booker-Prize-Finalistin - kämpfen die Heldinnen und Helden nicht nur mit Beziehungsproblemen, Verlustängsten und tatsächlichem Verlust, Schwierigkeiten im Job, gegen die normalen Widrigkeiten des Alltages und gegen sich selbst, sondern manövrieren sich auch mehr oder weniger bewusst in Ausnahmesituationen, bei denen es um nichts weniger geht als um die blanke Existenz.

Neben der bereits erwähnten Colleen, die gegen die Erwachsenenwelt u.a. dadurch rebelliert, dass sie Zucker in den Tank von Bulldozern schüttet, um den Fichtenmarder zu retten, und dabei erwischt wird, sind im bunten Reigen der Hauptfiguren noch eine Reihe anderer Charaktere zu finden, die durch einen symbolhaften Alligatorensumpf waten: Beverly, Colleens Mutter, die nach dem Tod ihres Lebensgefährten kontrollierte Trauerarbeit leistet; Frank, der sich seinen Hotdog-Stand hart erarbeitet hat und zum Opfer von Betrug und Verbrechen wird; die Dokumentarfilmerin Madeleine - Colleens Tante -, die trotz vieler Schwierigkeiten und schwerer Erkrankung ihren neuen Film zu Ende bringen will; Madeleines Freundin, die Schauspielerin Isobel, die sich zu gewalttätigen Männern hingezogen fühlt, und Valentin, der ein Gewalttäter ist.

Die einzelnen Kapitel des Romans sind mit den Namen der jeweiligen Protagonisten überschrieben, was zurzeit eine beliebte Strukturierungsmethode in englischsprachigen Romanen zu sein scheint - zuletzt hat das auch J. Courtney Sullivan in ihrem Roman "Sommer in Maine" so gemacht. Nun gut, irgendwie muss man einen Roman ja einteilen, selbst wenn man so impressionistisch arbeitet wie Lisa Moore, deren Stärke die Zeichnung einprägsamer literarischer Bilder ist.

Die einzelnen Lebensgeschichten sind in diesem Patchwork der Pechvögel zum Teil nur lose miteinander verwoben, deshalb sind es nicht so sehr große Spannungsbögen, die die Leselust von Seite zu Seite aufs Neue entfachen, sondern die vielen berührenden Momentaufnahmen, die trotz implizierter Tragik oft voll betörender Schönheit geschrieben sind und die auch in der deutschen Übersetzung ihre soghafte Wirkung entfalten. Selbst auf unspektakuläre Szenen tupft die Autorin gekonnt das Schillern unaufdringlicher Poesie: "Die Sonne ging unter, und sie sagte zu den Kindern: Runter vom Klettergerüst, wir holen uns ein Eis. Sie spazierten nach Hause, ließen sich Zeit, und später ging über dem leeren Park der Mond auf, er schien durch das Blätterdach und glitzerte auf ihrem Autoschlüssel."

Lisa Moore: Im Rachen des Alligators. Roman. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Hanser, München 2013, 352 Seiten, 20,50 Euro.