"So ist unser Leben in Ghadames: die Männer sind oft unterwegs auf den Wüstenstraßen, die Frauen warten auf sie auf den Terrassen." Die da spricht, heißt Malika, und erzählt von ihrer Mädchenblüte im Libyen des späten 19. Jahrhunderts. Es ist eine Jugend im Korsett arabischer Traditionen, die Geschlechter leben in "zwei unterschiedlichen Welten, die sich fast niemals begegnen, wie Mond und Sonne".

Gleich den überlieferten Sitten, hat sich auch der historische Kern der Oasenstadt Ghadames erhalten. Und doch ist die klassische Ordnung zum Teil nur noch Fassade: Das Geschäft mit dem Öl lässt die Neustadt wuchern, viele alte Häuser stehen leer.

Es waren diese persönlichen Reiseeindrücke, die Joëlle Stolz zu der Erzählung "Die Schatten von Ghadames" inspirierten. Darin reflektiert - und unterminiert - sie die Geschlechterrollen der arabischen Welt, wo Frauen meist nur zu hören, aber kaum zu sehen sind. Denn ab der Pubertät setzen sie praktisch keinen Fuß mehr außer Haus. Doch die Autorin lässt die verbotene Moderne einsickern: Während Malikas Vater durch die Wüste zieht, versteckt ihre Mutter einen Verletzten. Die Begegnung der Frauen mit dem jungen Mann erweist sich als prickelnd und bereichernd. Dann kehrt die Karawane zurück, und der Fremde muss fort. Im Trubel des Frauenkarnevals verlässt er die Stadt.

Joëlle Stolz, 1952 in Frankreich geboren und in Algerien aufgewachsen, ist Österreich-Korrespondentin der französischen Tageszeitung "Le Monde". Ihre von Margret Millischer souverän übersetzte Erzählung ist eine Geschichte der Überschreitungen - und der Versuch, den Prozess eines großen kulturellen Wandels lesbar zu machen - auch für die Jugend.

Joëlle Stolz: Die Schatten von Ghadames. Erzählung. Aus dem Französischen von Margret Millischer. Passagen Verlag, Wien 2013, 114 Seiten, 13,90 Euro.