Empört euch: US-Journalist und Sachbuchautor George Packer beklagt den Absturz der Mittelklasse, das Foto zeigt einen Mann, der 2009 auf den Straßen von Manhattan nach Arbeit suchte. - © corbis/Ashley Gilbertson
Empört euch: US-Journalist und Sachbuchautor George Packer beklagt den Absturz der Mittelklasse, das Foto zeigt einen Mann, der 2009 auf den Straßen von Manhattan nach Arbeit suchte. - © corbis/Ashley Gilbertson

Wir befinden uns im Jahr 2007, in North Carolina. Da, wo der Tabak wächst. Wir sitzen in einem Auto. Mit Matt Orr, 25, soeben aus dem Irak-Krieg heimgekehrt, und mit Matts Vater. Der holt seinen Soldaten-Sohn vom Flughafen ab. Und wie Matt und Dad so durch die Landschaft fahren, freut sich der junge Mann über die Hügel, die Bäume, das Gras. Im Vergleich zu Wüstengelb, Tarnfarbenbeige und Menschenblutrot kommt ihm das grüngrüne Amerika gerade vor wie die schönste Ecke in Gottes Showroom.

Das Militär hat ihn stark gemacht, findet Matt, und will sofort loslegen mit seinem zivilen Leben. Er findet einen Job in einer Fabrik für Kupferrohre. Als er feststellt, dass man ihm für die schwere Arbeit weniger bezahlt als Schüleraushilfen 1980, zwei Jahre vor seiner Geburt, bekamen, sucht er sich etwas anderes. Er landet bei der Einzelhandelskette Kmart, als Kaufhausdetektiv.

Stinkwütend auf die Eliten

Eines Tages muss er dort einen Mann festhalten, der ein Zelt stehlen wollte, ein Arbeitsloser, der keine Bleibe mehr hat. An jenem Tag fällt Matt auf, dass er selbst einfach zu wenig verdient. Er hört sich im Freundeskreis um, verfolgt die Nachrichten. Und kommt darauf, dass niemand im großen Amerika auf ihn gewartet hat. Dass einer wie er, egal, wie fleißig, pünktlich, fit er ist, nie mehr als 8,50 Dollar pro Stunde verdienen wird - gerade genug für sein Untermietzimmer, viel zu wenig, um eine Familie zu gründen, auf ein Auto zu sparen, all die Dinge zu tun, die ein amerikanischer Mann eigentlich tun muss. Die Abende verbringt er vor dem Fernseher, mit ein paar Flaschen Bier. Und mit der Andy-Griffith-Show, einer "Waltons"-artigen Serie aus den 60er-Jahren. "Damals war es ein besseres Amerika", denkt Matt, und hat keinen Schimmer, wie es weitergehen könnte, mit ihm persönlich, mit dem großen Ganzen.

Leider gibt es gerade auch sonst niemanden, der Bescheid wüsste. "Jeder sollte einfach Software-Experte oder Finanzmanager werden", schreibt George Packer im Buch "The Unwinding. An Inner History of the New America", das dieser Tage in den USA weit oben in den Bestsellerlisten steht und so leidenschaftlich diskutiert wird, wie es geschrieben ist. "Die Eliten nahmen es als gegeben hin, dass es keine Jobs zwischen acht Dollar und einem sechsstelligen Jahresgehalt mehr gab. Sie hatten keine Antworten mehr auf die Probleme der Mittelschicht."

"Unwinding" bedeutet so viel wie "Abwicklung" oder "Auflösung". Und wer ein kleines bisschen besser verstehen will, was gerade los ist, drüben, im Große-Bruder-Staat, der sollte dieses Buch lesen. Es ist vermutlich das amerikanischste Buch, das seit Langem geschrieben wurde - und hat doch auch sehr viel mit Europa zu tun, mit der grotesken Jugendarbeitslosigkeit im europäischen Süden und mit den um Leiharbeit bereinigten Arbeitsmarktstatistiken im Norden. Letztlich hat es auch mit Bangladesh zu tun, vielleicht sogar mit dem Tahrir Platz.

"The Unwinding" holt die Globalisierung zurück in den Schoß des so genannten freien Marktes. Es zeigt, was die Gegenwart im Leben von Menschen anrichtet. Es erzählt also nichts Neues. Aber wie es erzählt ist, ist bemerkenswert. Die gut 400 Seiten lesen sich so spannend wie ein Jahrhundertroman, der den Namen verdient. Von dröhnender Thesendrescherei bleibt man bei Packer, der hauptberuflich für den "New Yorker" schreibt, weitgehend verschont. Genau das ist vielleicht das Alleramerikanischste an seinem Buch: Er ist stinkwütend, besonders auf die von ihm identifizierten "Eliten".

Geschichte der Gebeutelten

Aber statt sich selbst zum Experten aufzublasen, erzählt Packer Geschichten. Von real existierenden Menschen. Storys, die sich mehr oder weniger tatsächlich so zugetragen haben.

Da ist etwa der störrische Klein-Unternehmer Dean Price. Etliche Tankstellen hat er besessen, bis er pleite ging, weil die Buchhaltung nicht sein größtes Talent ist, aber auch, weil monopolartig aufgestellte Billig-Ketten alles platt machen, was "freies" Unternehmertum im wörtlichen Sinne ist. Aber Dean ist eben Amerikaner, und so hat er gleich eine neue Vision im Kopf: das gebrauchte Frittieröl aus Fettbratereien einsammeln und Bio-Diesel draus machen! "Warum nicht eine Tauschwirtschaft einführen?", denkt Dean. Interessanterweise werden solche Überlegungen dieser Tage auch von den Avantgarden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften angestellt. Dean ist also ganz vorne dabei. Gleichzeitig glaubt er an das Recht auf Selbstverteidigung mit Waffengewalt. "Im Grunde will ich nur Farmer sein und meine Ruhe haben", sagt er. Und genau darum geht es doch, wenn das vielfach vergewaltigte Wort "Freiheit" im Spiel ist. Um nichts anderes geht es.

Auch von Prominenten erzählt Packer, von Oprah Winfrey, Colin Powell, Superausverkaufs-Rapper Jay-Z und PayPal-Gründer Peter Thiel. Die Storys der Reichen und Schönen verschränkt Packer mit der Geschichte der Occupy-Aktivistin Nelini oder mit den Plots von "Sekretärinnen, die vielleicht 35.000 im Jahr verdienen und mit fünf Anlageobjekten zugleich jonglieren" und in der "Housing Bubble" alles verlieren.