Thomas Glavinic. - © Foto: Ingo Pertramer
Thomas Glavinic. - © Foto: Ingo Pertramer

Jonas will hoch hinaus. Unter Beschwerlichkeiten, die jeglichem Vorstellungsvermögen spotten, versucht er, den Mount Everest zu erklimmen. Nicht nur der Aufenthalt in der "Todeszone" über 7500 Meter, wo Leichen die Routen säumen und ein paar Zehen und Finger als normaler Tribut an die Kälte gelten, ist abenteuerlich. Auch der Lebensweg, der ihn dorthin geführt hat, ist es.

Sohn eines frühverstorbenen Vaters und einer infolge Alkoholismus zur Erziehungsarbeit unfähigen Mutter, wächst er zusammen mit seinem geliebten, geistig behinderten Zwillingsbruder Mike und seinem Freund Werner bei dessen Großvater, der den Spitznamen Picco trägt, auf. Die drei müssen nicht zur Schule gehen; Angestellte Piccos übernehmen ihre Erziehung und Bildung. Geld spielt in diesem Universum keine Rolle. Ebensowenig bürgerliche Wertvorstellungen und Rechtsvorschriften. Konflikte regeln Picco und seine Mitarbeiter auf ihre Art, ohne Zutun der Exekutive. Von ihren Kontrahenten sieht und hört man nachher nichts mehr.

Die Buben dürfen sich alles erlauben, ohne Strafen fürchten zu müssen und werden zu individualistischen Denk- und Verhaltensweisen ermutigt. Ihre offensichtliche "Andersartigkeit" erregt in der ländlichen Umgebung aber auch den Hass der Umwelt. Dieser findet sein leichtes Ziel im schwächsten der drei, dem behinderten Mike, der tätlichen Übergriffen und letztendlich einem tödlichen Schussattentat zum Opfer fällt.

Nicht lange nach Mike findet Werner bei einem waghalsigen Stunt den Tod. An seinem 18. Geburtstag erhält Jonas die Verfügungsgewalt über das Vermögen Piccos, der sich noch am selben Tag, vom Krebs zerfressen, das Leben nimmt.

Für Jonas, der sich um keinerlei Broterwerb sorgen müssen wird, beginnt eine nie endende Reise: eine rastlose Suche nach Sinn, die nicht selten auch über die Wege des Un-Sinns führt und die nur eines ausschließt: sich selbst in Frage zu stellen.

Jonas bezieht in Rom ein Zimmer, das er zwei Jahre lang nicht verlässt, dann lässt er sich in Norwegen ein Baumhaus bauen. In Tokio rettet er einen einflussreichen Anwalt vor der Ermordung und bekommt als Gegenleistung buchstäblich alles Menschenmögliche - sei dies eine eigene Insel in der Südsee samt riesigem Segelschiff oder logistische Unterstützung für Wohltätigkeitsprojekte. Dazwischen erleidet er seine Passion in Form einer Drogensucht, versucht sich als Schauspieler und verfolgt zahlreiche Affären.