Vor vier Jahren sorgte die Kulturjournalistin Johanna Adorján mit ihrem berührenden Debüt "Eine exklusive Liebe" vollkommen zu Recht für reichlich Aufsehen. Darin schrieb sie über den Freitod ihrer Großeltern. Das tat sie in einem ganz eigenen Ton und mit nüchterner Genauigkeit, die sich bei ihr stets mit ironischem Witz verbindet.

Nun kam von Adorján ein Band mit Geschichten - oder wie es bei ihr heißt - "Stories" auf den Markt. "Meine 500 besten Freunde", nennt sich der blau gewandete und von der kanadischen Künstlerin Leanne Shapton gestaltete, mit Blauschnitt versehene Band und verweist schon im Titel auf seine Zeitgenossenschaft. In dreizehn Geschichten beäugt Adorján kulturbeflissene Hauptstädter, die der Liebe und dem eigenen Ruhm erliegen wie einer besonders hartnäckigen Krankheit. Dabei schlägt die Autorin diesmal einen unauffälligen Kolumnenton an, um ihre Schneisen ins Heute zu schlagen. Etwa, wenn sie zwei Frauen im Restaurant Borchardt belauscht oder eine Schauspielerin, die sich abends in Berlin herumtreibt.

Adorján belagert ihre Figuren mit unbarmherzigen Frauenblicken und entblößt ihre Schwächen wie überkronte Zähne. Sanfter Spott flutet die Seiten, und als Leser fühlt man sich von dieser Lebensgefühl-Prosa bestens unterhalten, auch weil man sie allesamt zu kennen meint: die Eitlen und Selbstgewissen, die Traurigen und die Jämmerlichen, die Belesenen und die Gescheiten - und die Leere der Großstadt sowieso. Und weil man hofft, dass man nur ein kleines bisschen nicht so ist wie alle. Adorján versteht es, ihre Figuren nicht nur durch den Kakao zu ziehen, sondern ihnen gleichzeitig gnadenlose Anteilnahme zuteil werden zu lassen.

Die Macken der Hauptstädter werden zum herrlichen Jahrmarkt der Eitelkeiten arrangiert. Im Fokus stehen Journalisten, Lektoren, Regisseure, Künstler und solche, die sich dafür halten. Man begegnet ihnen auf Vernissagen, bei Preisverleihungen und Interviews. Selbst schal Banales gerät hier ins Funkeln, obgleich die Autorin stilistisch nachlässiger vorgeht als in ihrem Debüt und zuweilen mit ihrer Hemdsärmeligkeit prahlt. Mit großem Gespür wittert sie Situationen, in die man nie im Leben geraten möchte.

In einer der besten Geschichten des Bandes begleitet Adorján eine berufstätige Mutter und Schauspielerin ins edle Hotel Adlon, zu einem jener Gespräche, die einen Filmstart flankieren, und die für Schauspieler und Journalisten längst zur erprobten Kampfzone geworden sind. Diese Geschichte lebt nicht nur von ihrer Authentizität, sondern auch von der geradezu existenziellen Präsenz, die das Leid hinter dem Glitter offenbart.

Adorján verteilt Gemeinheiten wie kleine Naschereien. Vieles muss sie nicht auserzählen, um verstanden zu werden. Dabei lässt sich das Buch durchaus als Satire auf den Berliner Kulturbetrieb lesen, dessen schönste Attitüden es freilich schon längst in die Provinz geschafft haben.

Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde. Stories. Luchterhand Verlag, München 2013, 250 Seiten, 19,60 Euro.