Als der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf 2012 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, konnte er die Auszeichnung nicht mehr selbst entgegennehmen. Durch einen Freund ließ er ein afrikanisches Sprichwort übermitteln: "Die Sonne geht immer hinter der Düne unter, die Dir gerade am nächsten ist." Am Montag hat sich der krebskranke Autor mit 48 Jahren das Leben genommen, wie seine Kollegin Kathrin Passig auf Twitter bekanntgab.

2010 hatte er mit "Tschick" den Überraschungserfolg des Jahres gelandet. Der Roman erhielt den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 und verkaufte sich mehr als eine Million Mal. Nur wenige Monate vor dem Druck des Romans wurde bei Herrndorf ein bösartiger, unheilbarer Gehirntumor diagnostiziert. Seither schrieb er im Blog "Arbeit und Struktur" über sein Leben mit dem Tod.

Blog über Sprachverlust

"Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem", schreibt er zu Beginn. Doch so soll es nicht kommen. Erst eine OP, dann eine zweite, eine dritte. Einmal heißt es: "Links jetzt, als ob jemand die Nervenstränge büschelweise aus den Buchsen zieht." Wider alles Erwarten brachte er trotzdem seinen Roman "Sand" zu Ende, ein brillantes Vexierspiel um Gewalt und Verfolgung, Selbstsuche und Tod. Der Agententhriller aus der afrikanischen Wüste trägt ihm 2012 den Leipziger Buchpreis, später eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis ein.

Die letzten Einträge in seinem Blog zeugen davon, wie der Sprachkünstler seine Worte verliert. "Ich bin nicht der Mann, der ich einmal war. Meine Freunde reden mit einem Zombie", schrieb er Anfang Juli. Und einige Tage später folgte ein Gedicht: "Niemand kommt an mich heran/bis an die Stunde meines Todes./Und auch dann wird niemand kommen./Nichts wird kommen, und es ist in meiner Hand."