Neo Rauch ist einer der wenigen Künstler der DDR, die auch im Westen salonfähig wurden - selbst für die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. - © ap
Neo Rauch ist einer der wenigen Künstler der DDR, die auch im Westen salonfähig wurden - selbst für die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. - © ap

"Und nicht einmal den 10. Todestag von Peter Hacks hat eine Zeitung registriert", sagt der Anrufer verärgert. Ich stottere, weil . . . Nun ja, die "Wiener Zeitung" hat halt auch nichts dazu gehabt in der Gegend des Stichtags am 28. August. Weil - Hacks, wer war das doch gleich?

Mal nachgezählt: 45 Dramen hat der am 21. März 1928 in Breslau geborene Autor verfasst, dazu Erzählungen, Kindergeschichten, Lyrik, Essays. Ein ehrfurchtsgebietendes Gesamtwerk. Ein Blick in die Lyrik macht sicher: Das war ein Könner. Keiner der ganz Großen, aber ein ziemlich Großer, was man auch dann zugeben muss, wenn man seine marxistische Ideologie ablehnt. Hacks nämlich war einer der führenden Literaten der DDR.

Und schon wird alles klarer - wieso der Wald, also: der Blätterwald um ihn schweigt. Die Kunst der DDR geht nämlich dem Vergessensein entgegen, ob es sich um Literatur handelt oder um Musik. Gerade noch ein Maler hat die Wende überstanden, ist vielleicht sogar noch gewachsen. Aber Neo Rauch ist Neo Rauch. Er wird als Einzelgestalt wahrgenommen, nicht als Symbol oder Synonym für eine Kunstlandschaft, deren Blüte einst auch den mauerabgetrennten Westen in Verzückung versetzte.

Grau in grau

Dabei war sonst alles grau in grau. Wäre es wenigstens eine revolutionäre Gesellschaft gewesen mit zwangsoptimistischem Blick gerade voraus, man würde heute vielleicht sogar die Repressionen und jeglichem demokratischen Rechtsempfinden widersprechenden politischen Verfahren inklusive Verurteilungen irgendwie als systemimmanent - nein: nicht verzeihen, aber verstehen.

Doch die DDR war in Wirklichkeit der staatgewordene kleinbürgerliche Mief, inklusive der kleinbürgerlich miefigen Absurditäten und der kleinbürgerlich miefigen Bespitzelungen. Groß waren nur die Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Doch von denen wollten und wollen viele Intellektuelle nichts wissen, weil. . .

Ja, weil das Konzept aufging: Der Kultur um ihrer selbst willen mag man prinzipiell vielleicht keinen gar so hohen Stellenwert einräumen, aber sie ist der Ausweis eines Staates, der nicht durch imperatorengestische Kriege oder kriegsähnliche Handlungen auf sich aufmerksam macht.

Wieso begreifen das eigentlich Diktaturen so viel eher als Demokratien? Nahezu alle Diktaturen (zumindest die europäischen) des 20. Jahrhunderts setzten nämlich auf Kunst: die kommunistischen sowieso, aber auch die italienischen Faschisten und die Nationalsozialisten. Bloß begriffen die Letztgenannten nicht, dass international mit dem Bildhauer Arno Breker ebenso wenig ein Staat herzuzeigen war wie mit einem Komponisten wie Mark Lothar. Es rächt sich eben, wenn man die wahrhaft schöpferischen Potenzen aus wirren rassischen Gründen zur Emigration zwingt oder im KZ ermordet.

Die Diktatur der DDR also setzte ebenfalls auf Kunst und Kultur. Die Literaturszene war hochentwickelt, sogar, wenn es im Original fremdsprachige Literatur war: So sind Übersetzungen, die bei Volk und Welt erschienen, in der Regel auch nach heutigen Maßstäben beispielhaft.

Bewunderung des Westens

Die sozusagen eigenen Autoren erfuhren eine massive Förderung, sofern sie sich konform verhielten oder zumindest Tricks fanden, eine Konformität vorzutäuschen. Mitunter befruchten Grenzen der Machbarkeit den Erfindungsreichtum durchaus. Wenn man einen Bertolt Brecht einmal beiseite lässt, weil er ja nach Staatsbürgerschaft Österreicher war und außerdem eine Jahrhundertgestalt, an der man ohnedies niemanden sonst messen sollte, so schrieben doch nicht bloß Autorinnen wie Anna Seghers und Christa Wolf, Autoren wie Johannes Bobrowski oder Erwin Strittmatter und auch Peter Hacks wenn schon nicht Weltliteratur (obwohl zumindest Seghers und Bobrowski diesen Rang beanspruchen können), so zumindest auf europäischem Spitzenniveau. Der Westen bewunderte das durchaus, vielleicht sogar in einem Ausmaß, dass der Duft der suggestiven Schönheit von Bobrowkis Naturlyrik den Blut- und Uringestank übertönte, der aus den Folterkellern der Stasi drang.

Doch auch, wer gegenüber jenen Autoren skeptisch war, die drüben blieben, bediente sich am schöpferischen Potenzial der DDR - denn da waren die Dissidenten, etwa die außerordentliche Lyrikerin Sarah Kirsch oder der exemplarische Schriftsteller Stefan Heym. Der Liedermacher Wolf Biermann ließ es hier wie dort laut werden um die DDR-Auswanderer, der Lyriker Peter Huchel hingegen schrieb in aller Stille Gedichte, die zum Bedeutendsten der deutschen Lyrik gehören.

Und wer entsinnt sich heute noch ihrer?

Nicht einmal die Dramen Heiner Müllers, auf den sich DDR-Befürworter wie -Gegner als den größten deutschsprachigen Dramatiker nach Brecht einigen konnten, stehen heute noch sehr intensiv auf den Spielplänen der deutschsprachigen Theater.

Was fehlt, ist der Reibebaum, eben die DDR. Die Möglichkeit, mit Biografie und Werk als Zeuge für oder gegen den sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat in Anspruch genommen zu werden. Der (west-)deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki forderte wiederholt die Autoren auf, sie mögen über "das große deutsche Thema", nämlich die Teilung, schreiben, und übersah, dass sich das Thema überholt hatte. Schlimmer noch: Man wollte nach dem Abebben der Wende-Euphorie nichts mehr davon hören. In das Zudecken der schmerzlichen Vergangenheit war die Entsorgung des eigentlich Herzeigbaren inkludiert. Nur keine DDR-Kunst mehr, bitte, schien der Buchmarkt im Namen der Leser zu rufen.